Alle Blogs » Zur Abgrenzung von Täterschaft und Teilnahme bei Drogenkurierfahrt

Zur Abgrenzung von Täterschaft und Teilnahme bei Drogenkurierfahrt

am 08.03.2006 von http://www.strafblog.de

Der BGH hat mit Urteil vom 14.12.2005 - 2 StR 466/05 - NStZ-RR 2006, 88f., die Verurteilung eines 19-jährigen Drogenkuriers aufgehoben, der durch das Landgericht Limburg/Lahn wegen täterschaftlichen Handeltreibens mit 1003,44 g Heroin und 181,95 g Kokain zu einer Jugendstrafe von 5 Jahren und 4 Monaten verurteilt worden war. Ein Bekannter des Angeklagten, der diesen zufällig getroffen hatte, bot ihm an, gegen 1.000 € Bezahlung eine Drogenkurierfahrt durchzuführen. Der Angeklagte sollte das Rauschgift in W übernehmen, einen Teil davon einer Person in F übergeben und den Rest nach H bringen. Der Angeklagte war einverstanden. Zu einem mit dem Bekannten verabredeten Zeitpunkt fuhr er zu einem Parkplatz in W, um dort das Rauschgift von einem Überbringer zu übernehmen. Der Bekannte lotste ihn per Handy zu dem Übernahmeort. Unmittelbar nach der Übernahme wurde der Angeklagte von der Polizei, die den Überbringer bereits überwacht hatte, festgenommen.

Der BGH stellt in seinem Revisionsurteil fest, dass das Landgericht keine hinreichende Abgrenzung zwischen Täterschaft und Teilnahme vorgenommen habe. Bei einem Kurier, der lediglich Drogen transportiere, liege nicht automatisch täterschaftliches Handeltreiben vor. Zwar sei der Begriff des Handeltreibens weit zu fassen und könne auch bei eigennütziger Förderung fremder Umsatzgeschäfte vorliegen, es sei aber nach allgemeinen Grundsätzen unter Betrachtung aller von der Vorstellung des Täters umfassten Umstände zu entscheiden, ob dieser als Mittäter oder nur als Gehilfe an der Strafftat beteiligt war. Dabei seien der Grad des eigenen Interesses am Erfolg, der Umfang der Tatbeteiligung und die Tatherrschaft oder wenigstens der Wille zur Tatherrschaft zu berücksichtigen, Vorliegend sprächen die Gesamtumstände, insbesondere auch der in Anbetracht des Wertes des Rauschgifts relativ geringe Kurierlohn, nicht unbedingt für eine Tatherrschaft.

Der BGH übt auch Kritik an der Höhe der verhängten Jugendstrafe. Diese hätte schon einer an den Zwecken des Jugendstrafrechts nachvollziehbar orientierten Begründung bedurft.

Anmerkung: Das Landgericht Limburg genießt, wenn es um Betäubungsmittelstraftaten geht, nicht gerade einen milden Ruf. Vorliegend spricht zunächst einmal Vieles dafür, die Tat des Angeklagten nur als Beihilfe zum Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge zu qualifizieren. Dafür sprechen neben dem geringen Kurierlohn die Tatsachen,
a. dass die Tatplanung offenbar vollständig in den Händen des Bekannten gelegen hat und dieser den Angeklagten per Handy gelotst hat, b. dass der Angeklagte weder den Überbringer noch die Abnehmer kannte, c. dass er den Bekannten per Zufall traf und sich spontan zur Tat entschloss, wobei auch sein jugendliches Alter eine Rolle spielen mag.
Geht man von Beihilfe zum Handeltreiben aus, kommt allerdings tateinheitlicher Besitz von Btm hinzu, da der Besitz bei der bloßen Beihilfe anders als bei der Täterschaft nicht im Handeltreiben aufgeht.

Die Höhe der Strafe ist für mich nicht mehr nachvollziehbar. Selbst bei einem Erwachsenen Haupttäter wären 5 Jahre und 4 Monate keine milde Strafe. Jugendstrafrecht ist jedoch Erziehungsstrafrecht. Hier gilt der normale Strafrahmen des Erwachsenenstrafrechts nicht. Es mag zwar angehen, unter dem Gesichtspunkt der besonderen Schwere der Schuld Jugendstrafe zu verhängen; diese darf jedoch unter Berücksichtigung der Schuldschwere nur so bemessen werden, dass sie erzieherisch wirkt, ohne die Entwicklung des Heranwachsenden nachhaltig zu beeinträchtigen. Ich wüsste keinen Gesichtspunkt, der eine derart harsche Strafe wie die hier verhängte rechtfertigen könnte. Der Junge hat doch niemanden getötet oder verkrüppelt oder ähnlich schwere Tatfolgen produziert. Das Rauschgift ist sichergestellt worden und kann damit keinen Schaden mehr anrichten. Hier käme meines Erachtens bei einem Ersttäter noch eine bewährungsfähige Strafe, also nicht mehr als 2 Jahre, in Betracht. In durchaus vergleichbaren Fällen haben wir jedenfalls bei diversen Gerichten schon wiederholt Bewährungsstrafen erreicht.

Autor: Ra Rainer Pohlen

Kanzlei POHLEN + MEISTER

« »
Kommentar schreiben




BGH: Eintrittspflicht einer Rechtsschutzversicherung bei Kündigungsandrohung des Arbeitgebers

anwalt-kiel.com / Der Bundesgerichtshof - IV ZR 305/07 - hat die Eintrittspflicht eines Rechtsschutzversicherers bei vom Versicherungsnehmer behaupteten Rechtsverstoß durch Kündigungsandrohung des Arbeitgebers bestätigt. I. Der Kläger verlangt von seinem Rechtssc…

Rabattwerbung: Praktiker verliert vor dem BGH mit 20% auf alles

IT-Rechtsinfo / Praktiker hatte noch vor dem Landgericht und dem Oberlandesgericht gewonnen. Die Klägerin - eine Verbraucherzentrale - hatte hiergegen Revision eingelegt und Recht behalten. Im vorliegenden Fall hatte Praktiker nachweislich bei vier Artikeln kurz vo…

Briefeschreiber gefasst - Hochwaldmörder nicht ermittelt

LAWgical / Nach dem Massen-DNS-Test im nördlichen Saarland hat die Polizei den Verfasser der Briefe, die in den vergangenen Jahren bei verschiedenen Polizeidienststellen eingegangen sind, gefasst. Es handelt sich dabei um einen 34jährigen Mann, der sein …

Klaus-Peter Tiedtke neuer Direktor des Beschaffungsamtes

Vergabeblog / Der Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, Dr. Bernhard Beus, hat Klaus-Peter Tiedtke in sein neues Amt eingeführt. Im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn wurde der neue Direktor des Beschaffungsamtes des Bundesminis…

Betriebsbedingte Kündigung wegen Wegfalls des Arbeitsplatzes

Aktuelles aus dem Arbeitsrecht / Das Bundesarbeitsgericht hat in einer Entscheidung vom 05.06.2008 ausgeführt, dass eine ordentliche Beendigungskündigung seitens des Arbeitgebers nach dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit ausgeschlossen ist, wenn die Möglichkeit besteht, den A…

Social Community und Datenschutz

LAWgical / In zahlreichen Informationsveranstaltungen sensibilisieren unter anderem der saarländische Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, die Landesmedienanstalt Saar und das Landeskriminalamt des Saarlandes sowie die Europäische…

Druckfrisch: Bilanzgestaltung

Steuerpraxis / Die Erstellung einer Bilanz gehört zum Kerngeschäft des Steuerberaters. Neben dem reinen Zahlenwerk und dem klassischen Bilanzrecht treffen bei der Bilanzerstellung jedoch auch Interessen und Zielvorstellungen der Unternehmer, Banken oder A…

Ausgleichsansprüche nach nichtehelicher Lebensgemeinschaft

RECHTaktuell / Bei Scheitern einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft werden nach ständiger Recht¬sprechung beiderseitige Aufwendungen grundsätzlich nicht erstattet. Die Rechtsprechung geht davon aus, dass man bewusst gemeinsam wirtschaften und nicht darauf achte…

Quarzhandschuhe beim Einsatzkommando

kanzlei-hoenig.info / Die Polizei ermittelt in eigenen Reihen: Den Beamten wird u. a. Folgendes vorgeworfen: Zug- und Gruppenführer sollen zugelassen bzw. angeregt haben, dass sich ihre Mitarbeiter dienstlich nicht zugelassene Ausrüstungsgegenstände privat beschafft un…

BGH: 0,8-fache Geschäftsgebühr für Schutzschrift?

Dr. Damm & Partner Rechtsanwälte / BGH, Beschluss vom 13.03.2008, Az. I ZB 20/07 § 2 Abs. 2 Satz 1 RVG, Anlage 1 Nr. 3100 VV RVG Der BGH hat entschieden, dass für die Hinterlegung einer Schutzschrift auch dann eine 1,3-fache Geschäftsgebühr gefordert oder festgesetzt werden kann,…

Grenzen des Kündigungsrechts

German American Law Journal :: US-Recht auf Deutsch / CK - Washington.   Hire and Fire oder Employment at Will erklärte das Oberst­gericht von Indiana als das Recht der Arbeits­vertrags­parteien, ihren Vertrag mit einem good reason, bad reason, or no reason at all beenden zu d&uum…

EU-Führerschein: Tschechien hilft nicht immer

Rechtslupe / Führerschein weg? Kein Problem, machen Sie einen neuen in einem anderen EU-Land. So jedenfalls versprechen es vollmundig einige Anbieter, die Führerscheine insbesondere aus Osteuropäischen Ländern oder Großbritannien anbieten. Doch auch dieser F…

» Suche in den JuraBlogs

Automatisch übernommen von:

POHLEN + MEISTER

Weblog unserer Kanzlei für Strafrecht und Verkehrsrecht

Das Blog des Autors ist temporär nicht erreichbar.

» Aktuell in den Lawblogs

» Top-Meldungen

» TOP-Meldungen per E-Mail

Infos zum kostenlosen Service »