Tausende nahmen Abschied von Loveparade-Opfern
Reuters | 1. August 2010 — Duisburg (Reuters) - Tausende Menschen haben am Samstag in Duisburg Abschied von den 21 Todesopfern der Loveparade-Katastrophe …
Duisburg (Reuters) - Bundespräsident Christian Wulff hat dem wegen der Loveparade-Katastrophe unter Druck stehenden Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland den Rücktritt nahegelegt.
Einen Tag nach Trauerkundgebungen Tausender Menschen in der Ruhrgebiets-Stadt sagte Wulff der "Bild am Sonntag", zwar habe jeder als unschuldig zu gelten, dessen Schuld nicht erwiesen sei. Unabhängig von konkreter persönlicher Schuld gebe es aber auch eine politische Verantwortung. Dies müsse Sauerland abwägen. Sauerland selbst hatte zuvor angekündigt, er wolle nach der Aufklärung der Umstände, unter denen es zu der Katastrophe mit 21 Menschen kommen konnte, Konsequenzen ziehen.
Wulff bekräftigte am Sonntag, wer Fehler gemacht habe, solle dafür auch die Verantwortung übernehmen. Schon im Vorfeld der Veranstaltung habe es im Internet Warnungen vor einer Katastrophe gegeben, sagte er den Blättern der WAZ-Gruppe. Zugleich wandte er sich gegen eine einseitige Schuldzuweisung nur an die Adresse Sauerlands: "Wir alle wissen, dass auf jeden Fall nicht einer allein verantwortlich ist." Wulff regte auch die Einrichtung eines Hilfsfonds und die Ernennung eines Ombudsmanns an, der die Interessen der Hinterbliebenen vertreten könne.
In Duisburg hatten am Samstag genau eine Woche nach der Katastrophe Tausende Menschen Abschied von den Todesopfern genommen. Zur zentralen Trauerfeier in der Salvator-Kirche versammelten sich neben der politischen Spitze Deutschlands auch mehr als 100 Angehörige und viele der beteiligten Helfer. Am Nachmittag zogen rund 2000 Menschen in einem Trauermarsch durch die Stadt.
KRAFT SICHERT HINTERBLIEBENEN AUFKLÄRUNG ZU
Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sicherte den Hinterbliebenen in einer kurzen Ansprache lückenlose Aufklärung zu. Alle Opfer und Trauernde hätten Anspruch auf die Wahrheit. "Wie konnte das geschehen, wer trägt Schuld, wer ist verantwortlich? Diese Fragen müssen und werden Antworten finden", sagte Kraft mit brüchiger Stimme. Den Hinterbliebenen versicherte sie: "Sie sind nicht allein."
In ihrem ökumenischen Gottesdienst mahnten auch der katholische Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck und der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, indirekt die Übernahme von Verantwortung an. Schneider sprach von "Menschen, die wie versteinert Verantwortung von sich abschieben". Overbeck klagte, es gebe keine Antworten auf die vielen Fragen.
Angehörige, Rettungskräfte von Polizei, Feuerwehr und Hilfsorganisationen sowie Überlebende der Katastrophe entzündeten während der Trauerfeier Kerzen zum Gedenken an jedes einzelne Todesopfer. Der Gottesdienst wurde auch in ein Dutzend Kirchen der Stadt und das Fußball-Stadion des MSV Duisburg übertragen, wo sich einige Hundert Menschen versammelt hatten. Die erwarteten mehreren Zehntausend Menschen blieben aber aus.
An dem Gottesdienst nahmen neben Wulff auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Guido Westerwelle und Bundestagspräsident Norbert Lammert teil.
Bei der Massenpanik am vergangenen Samstag waren 21 Menschen auf dem Gelände der Loveparade, dem ehemaligen Güterbahnhof, getötet worden. Von den mehr als 500 Verletzten befanden sich am Wochenende noch mehrere in Krankenhäusern.
BÜRGERMEISTER: WERDE MICH DER VERANTWORTUNG STELLEN
Oberbürgermeister Sauerland kam wie angekündigt nicht zur Trauerfeier, ebensowenig wie der Veranstalter Rainer Schaller. Beide begründeten dies mit Respekt vor den Opfern. Wie Sauerland versprach auch Schaller in der "Bild am Sonntag", sich seiner Verantwortung zu stellen. Beide argumentierten, zunächst müssten sie aber bei der Aufklärung helfen. Beiden wird vorgeworfen, Warnungen von Polizei und Feuerwehr ignoriert zu haben. CDU-Politiker Sauerland steht inzwischen unter Polizeischutz.
Inbesondere er wird seit der Katastrophe von Politikern, aber auch von Bürgern zum Rücktritt aufgefordert, weil er als Chef der für die Genehmigung der Veranstaltung zuständigen Stadtverwaltung die politische Verantwortung übernehmen müsse.
"Ich werde mich dieser Verantwortung stellen, ja", sagte er dem Sender N-24. An der Aufklärung könne er aber nur mitwirken, wenn er im Amt bleibe. "Ich will die Antworten haben und werde dann auch Konsequenzen für mich und für das Handeln ziehen.
Nach Berichten von "Süddeutscher Zeitung" und "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" könnte der CDU-Politiker statt eines schnellen Rücktritts über ein Abwahlverfahren im Stadtrat seinen Posten aufgeben. Dies hätte für den Beamten auch finanzielle Vorteile.
Erschienen 1. August 2010 bei http://www.reuters.com.
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