WSI-Institut: Tarifjahr 2011 bringt deutlich mehr Lohn

Berlin (Reuters) - Die Tarifrunden 2011 dürften den Beschäftigten in Deutschland spürbar mehr Lohn und Gehalt bringen.

"Der neutrale Verteilungsspielraum liegt bei rund 3,5 Prozent", sagte der Tarifexperte des gewerkschaftsnahen WSI-Instituts, Reinhard Bispinck, am Montag zu Reuters. In einigen Branchen wie der Chemie dürften die Abschlüsse noch darüberliegen. Vor allem das im September vereinbarte Plus von 3,6 Prozent in der Stahlindustrie dürfte als Orientierung für Verhandlungen im nächsten Jahr dienen. "Hoffentlich nimmt die Trendwende Gestalt an", betonte Bispinck. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt hingegen warnte vor übertriebenen Erwartungen der Beschäftigten in den anstehenden Tarifrunden.

Bisher hatte auch im Aufschwungsjahr 2010 zunächst vor allem die Sicherung von Arbeitsplätzen im Fokus der Tarifgespräche gestanden. Löhne und Gehälter seien insgesamt nur mäßig gestiegen, in vielen Branchen seien anfangs nur Pauschalzahlungen vereinbart worden, erklärte das WSI in einer Jahresbilanz. "Die Tarifabschlüsse des Jahres 2010 zeigen also deutliche Spuren der Krise", betonte Bispinck. Nach Berechnungen der Wirtschaftsweisen stiegen die Tarifverdienste 2010 auf Stundenbasis um rund 1,7 Prozent. Da der beschäftigungsneutrale Verteilungsspielraum von 2,9 Prozent nicht voll ausgeschöpft worden sei, habe dies positive Arbeitsmarkteffekte gehabt, schrieben die Regierungsberater in ihrem jüngsten Gutachten.

Wegen des Aufschwungs haben die Gewerkschaften inzwischen das Ende der Bescheidenheit ausgerufen und deutliche Lohnerhöhungen gefordert. Die Chemiegewerkschaft IG BCE will Zuschläge zwischen sechs und sieben Prozent durchsetzen. Zudem kündigten Großkonzerne wie Bosch, Siemens, Porsche Audi und Continental an, die für April 2011 vereinbarte Tariferhöhung der Metallbranche vorzuziehen. Siemens und der Chemieriese BASF hatten jüngst sogar Jobgarantien für einzelne Standorte abgegeben.

GEWOHNTE REFLEXE IM ARBEITGEBER-LAGER

Arbeitgeberpräsident Hundt hat bereits mehr Lohn und Gehalt in Aussicht gestellt , mahnt nun aber zur Zurückhaltung. "Die wirtschaftliche Entwicklung ist zwar besser als erwartet, aber das gilt nicht für alle Branchen und Firmen", sagte er der "Bild"-Zeitung. Erforderlich seien maßgeschneiderte Abschlüsse, die die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Sektoren nicht beeinträchtigten. Die Wirtschaft werde frühestens Ende 2011 wieder auf dem Stand vor der Krise sein.

Nach einer Studie des WSI und des ebenfalls gewerkschaftsnahen IMK haben Kurzarbeit und flexible Arbeitszeiten zwischen Anfang 2008 und Mitte 2010 rund 3,1 Millionen Jobs in Deutschland gerettet. Die Beschäftigung blieb in der Rezession überraschend stabil. Inzwischen gibt es nur noch 2,93 Millionen Arbeitslose - einen geringeren Wert für den Monat November hatte es zuletzt 1991 gegeben .

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hatte die Gewerkschaften angesichts der besseren Konjunktur zu höheren Tarifabschlüssen ermutigt und war dafür von Arbeitgeberverbänden heftig gescholten worden. Im nächsten Jahr stehen neben der Chemie unter anderem Tarifverhandlungen für die Beschäftigten am Bau, im öffentlichen Dienst der Länder, bei Versicherungen, dem Einzel- und Großhandel und bei Volkswagen an.



Quelle: Reuters (13. Dezember 2010)

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Themen: Berlin , Germany , Lohn , Western Europe , Europe , Siemens , Wsi , Porsche , Dieter Hundt , Machinery , Economic Indicators , German Language - General , German Language - Equities , German Language - Money , Economic Events / Macroeconomics , Labour / Personnel , Industrial Machinery / Equipment , Automobiles/auto Parts , Auto/truck Manufacturing

Erschienen 13. Dezember 2010 bei http://www.reuters.com.

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