Alle Blogs » Wie übt man eine richtig geile Geiselnahme?

Wie übt man eine richtig geile Geiselnahme?

am 20.03.2007 von http://www.strafblog.de

Mit dieser Frage befasst sich seit gestern das Münsteraner Landgericht in einem Umfangsverfahren wegen Körperverletzung gegen 18 frühere Bundeswehrausbilder einer Kaserne in Coesfeld. Ganz euphorisch seien die Rekruten gewesen, die an den in der Anklageschrift recht martialisch dargestellten Übungen teilnehmen durften, ließ sich der angeklagte Zugführer Martin D. laut rp-online gestern zur Sache ein. Richtig geil hätten einige der Teilnehmer den Nachtmarsch im Sommer 2004 gefunden, bei dem auch eine Geiselnahme simuliert worden sei. Die Coesfelder Truppe sei die Vorzeige-Kompanie des Bataillons gewesen, eine fordernde und herausfordernde Ausbildung sei angesagt gewesen. Für die Rekruten seien die umstrittenen Übungen ein absolutes Highlight und der Ausbildungshöhepunkt gewesen, fügte der Angeklagte noch hinzu, und er selbst habe für die Bundeswehr gelebt. Auf die Idee, dass die Übung eine Straftat sein könnte, wäre er im Leben nicht gekommen.

Man wird sehen, ob das Gericht diese Auffassung teilt, denn bei den Übungen soll es zu strafrechtlich relevanten Exzessen gekommen sein, welche die Staatsanwaltschaft zweieinhalb Jahre lang beschäftigt haben. Rekruten, die während der Übungen als Geiseln genommen wurden, sollen in einer Sandgrube und in Kellerräumen unter dem Kasernengelände recht unfreundliich behandelt worden sein, nachdem sie gefesselt und mit verbundenen Augen dorthin verbracht worden waren. Die Anklage spricht von Stromstößen aus einem Feldfernsprecher, von Schlägen und von Tritten. Mit einer Kübelspritze, die das Gericht zum Prozessauftakt besichtigte, soll Rekruten Wasser in den gewaltsam aufgesperrten Mund gespritzt worden sein. Andere seien als Bettnässer verhöhnt worden, nachdem ihnen Wasser in die Hosen gepumpt worden war, wurde anderweitig berichtet.

Geht es nach dem Angeklagten D., war das Ganze nichts als eine große Gaudi. Wer an den Torturen nicht teilnehmen wollte, habe nur ein Code-Wort sagen müssen, teilte er dem Gericht mit, und außerdem sei immer darauf geachtet worden, dass die als Handfesseln verwendeten Kabelbinder nicht zu fest angezogen wurden. Hochmotiviert seien die teilnehmenden Rekruten gewesen, einige hätten sich später für die gute Ausbildung bedankt.

Der Wehrbeauftrage Reinhold Robbe meint allerdings, die Übungen hätten - auch unabhängig von den Foltervorwürfen - gar nicht stattfinden dürfen. Für solche Übungen müssten die Ausbilder speziell geschult sein. Solche simulierten Geiselnahmen dürfen nur in Anwesenheit von Ärzten, Psychologen und Seelsorgern gemacht werden., fügte er in einem Radiointerview hinzu.

Jetzt darf man gespannt sein, was die rund 160 betroffenen ehemaligen Rekruten als Zeugen berichten werden.

Autor: RA Rainer Pohlen

Kanzlei POHLEN + MEISTER

« »

Landgericht Münster: 18 Bundeswehrsoldaten wegen Rekruten-Misshandlung vor Gericht

strafblog / Vor dem Landgericht Münster hat heute Morgen der Prozess gegen 18 teils noch aktive und teils ehemalige Bundeswehrsoldaten begonnen, denen vorgeworfen wird, in ihrer Funktion als Ausbilder zahlreiche Rekruten der Freiherr-vom-Stein-Kaserne in Coesfe…

Rekrut bestätigt Misshandlungs-Vorwürfe

Handakte WebLAWg / Im Prozess um Misshandlungen bei der Bundeswehr hat ein ehemaliger Rekrut im Detail beschrieben, welche Demütigungen er während einer simulierten Geiselnahme über sich ergehen lassen musste. Einer der beiden angeklagten Zugführer soll während ei…

Höhepunkt der Ausbildung

Jurabilis / 18 Ausbilder der Bundeswehr müssen sich nun - nach erfolgreicher Nichtzulassungsbeschwerde der StA beim OLG Hamm - ab dem 19.03.2007 vor dem Landgericht Münster verantworten (Beck Aktuell). Die Staatsanwaltschaft wirft den Soldaten vor, in de…

18 Rekrutenschinder vor Gericht

Handakte WebLAWg / Im Landgericht Münster wird zurzeit fast genauso viel gebaut wie verurteilt. Neue Zwischenwände, eine größere Anklagebank: Beim Prozess um die Misshandlungen von 80 Bundeswehr-Rekruten werden allein 36 Anwälte dabei sein. Wenn der Prozess gegen…

Rekruten-Misshandlung: OLG lässt Anklagen zu

LawBlog / Von EBERHARD PH. LILIENSIEK Alle 18 Bundeswehr-Ausbilder, denen die Misshandlung von 181 Rekruten vorgeworfen wird, müssen sich nun doch der Anklage vor dem Landgericht Münster stellen. Das hatte vor neun Monaten lediglich acht Anklagen der Staatsa…

18 Bundeswehr-Ausbilder vor Gericht

LawBlog / MÜNSTER. Die Dienstränge der Angeklagten reichen vom Hauptmann, der Kompaniechef war, bis zum Feldwebel: Alle 18 Bundeswehr-Ausbilder, denen die Misshandlung von 181 Rekruten im Sommer 2004 vorgeworfen wird, müssen sich in einem Strafprozess ab de…

» Suche in den JuraBlogs

Automatisch übernommen von:

POHLEN + MEISTER

Weblog unserer Kanzlei für Strafrecht und Verkehrsrecht

Das Blog des Autors ist temporär nicht erreichbar.

» Aktuell in den Lawblogs

» Top-Meldungen

» TOP-Meldungen per E-Mail

Infos zum kostenlosen Service »