Wer soll gegen Polizeibeamte ermitteln?

Wie schon an anderer Stelle berichtet wurde (regensburg-digital-link), habe ich vergangenen Freitag auf Einladung der Grünen Landtagsfraktion an einem Fachgespräch im bayerischen Landtag teilgenommen (link). Es ging um das Thema "Polizei unabhängig kontrollieren", das auch hier im Blog schon einmal anlässlich des Falls Tennessee Eisenberg aufgekommen ist (link).

Hauptgast beim Fachgespräch war mit Nicholas Long einer der 12 commissioner des englischen ipcc, eine seit fünf Jahren operierende unabhängige Behörde zum Beschwerdemanagement und zur Beschwerdeermittlung. Longs Ausführungen machten Mut, eine unabhängige Polizeikontrolle, die ausdrücklich nicht als polizeifeindliche Einrichtung gedacht ist, zu institutionalisieren.

Demgegenüber kritisch bis ablehnend zeigten sich die beiden auf dem Podium anwesenden Verteter der Polizeigewerkschaften, sowohl was eine Kennzeichnung von Polizeibeamten als auch was die unabhängige Kontrolle angeht. Schon jetzt existierten etliche Kontrollen der Polizeibeamten (Dienstaufsicht, Strafanzeige, Petition), es könne keine Rede davon sein, dass diese nicht ausreichten. Vielmehr müssten negativ auffällige Beamte durchaus mit harten Konsequenzen rechnen. Eine zusätzliche Kontrollinstanz wäre überflüssig und würde die Sache noch komplizieren. Gegen Korpsgeist der Polizeibeamten müsse man ohnehin intern vorgehen, dagegen helfe eine unabhängige Kontrollinstanz nicht. Allenfalls mit der Vorstellung eines völligen Ersatzes der bisherigen Möglichkeiten durch ein zentrales Beschwerdemanagement konnte sich Herr Schall von der GdP anfreunden. Nach dem Bericht von Long, dessen ipcc die meisten Beschwerden gegen die Polizei nicht selbst bearbeitet, sondern deren lokale Behandlung nur "überwacht", waren die polizeilichen Vorbehalte in England vor der Einführung ähnlich gelagert. Inzwischen werde die ipcc aber - auch von der Polizei - akzeptiert. Die Kennzeichnung der Polizei in Groß-London, für die er verantwortlich gewesen sei, hätte ähnliche Befürchtungen der Polizisten geweckt wie hierzulande. Die Befürchtungen hätten sich aber nicht bewahrheitet. Weder komme es zu mehr falschen Anzeigen gegen Beamte noch seien deren Familien bedroht worden. Für Katharina Spieß von Amnesty International fand das Fachgespräch genau zum richtigen Zeitpunkt statt, denn sie konnte zugleich einen frisch gedruckten Bericht "Täter unbekannt" von amnesty vorlegen, der sich mit dem Problem mangelnder Transparenz bei polizeilichem Fehlverhalten befasst. Der Bericht ist Teil einer Kampagne von amnesty für eine unabhängige Polizeikontrolle; es werden 15 konkrete Fälle aus den vergangenen Jahren ausführlich geschildert. Der Bericht kann hier heruntergeladen oder bestellt werden (empfehlenswert). Eine statistische Analyse der Behandlung von Strafanzeigen wegen Körperverletzung im Amt ergibt tatsächlich eine weit geringere Anklage- und Verurteilungsquote bei solchen Anzeigen im Verglei…

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches
  • Links

Themen: Amnesty , Polizei , Öffentliches Recht , England , Materielles Strafrecht , Beschwerde , Gdp , Rede , Amnesty International , Regensburg , Petition , Polizeikontrolle , Eisenberg , Kriminologie , Ipcc , Polizeibeauftragter , Polizeikommission , Unabhängie Polizeikontrolle

Erschienen 23. Juli 2010 auf http://www.blog.beck.de/blog.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Braucht Deutschland eine unabhängige Ermittlungsinstanz bei Vorwürfen gegen Polizeiverhalten wie in England und Wales?

beck-blog | 7. Januar 2010 — Nach den monatelangen inzwischen eingestellten Ermittlungen gegen zwei Polizeibeamte im Fall des getöteten Tennessee Eisenberg

Amnesty gegen Polizeigewalt

LawBlog | 8. Juli 2010 — Die aktuelle Kampagne von Amnesty International beschäftigt sich mit Straftaten durch Polizisten und deren, so amnesty, häufig …

Supervising the police IPCC/Polizei-Aufsichtsbehörde

Transblawg | 8. Januar 2010 — Essex police moved in mysterious ways when they dealt with the case of Lee Balkwell, who died in an unfortunate accident in a conc…

Schweiz: Polizei, Justiz und Menschenrechte

strafprozess | 25. Juni 2007Amnesty International Schweiz legt den Bericht Polizei, Justiz und Menschenrechte vor. Gerügt werden u.a. die unwirksamen Str…

Professionell und hoch angesehen

LawBlog | 13. August 2009 — Gestern hatte ich mit einem Link auf eine neue Einrichtung im Land Sachsen-Anhalt hingewiesen. Dort nimmt eine zentrale Stelle …

Tod durch Polizeischüsse - der Fall Tennessee Eisenberg

beck-blog | 26. Juli 2009 — In der vergangenen Woche haben mehrere überregionale Zeitungen erneut über den Tod des Regensburger Musikstudenten Tennessee Ei…

Wurde Bayern-Profi von der Polizei beklaut?

strafblog | 27. März 2007 — Der Fußball-Profi Christian Lell von Bayern München hat Ärger mit der Polizei. Wie rp-online berichtet, wurde der 22-Jährige am 25…

Namen statt Nummer – Polizeikennzeichnung in England

ViaJura | 14. November 2010 — Während man sich in Deutschland noch immer vehement gegen eine Kennzeichnung von Polizisten wehrt, ist man in England bekannter…

Anklageerhebung gegen Polizeibeamte wegen Körperverletzung im Amt

beck-blog | 24. November 2010 — Im September vergangenen Jahres erregte ein im Internet verrbeitetes Video Aufsehen. Es zeigte, wie ein Teilnehmer einer Demons…

Polizeibeamte verprügeln Radfahrer

kanzlei-hoenig.info | 29. Dezember 2008 — Vor ein paar Stunden habe ich eine Pressemeldung der Polizei gelesen und den dazugehörigen Bericht im Tagesspiegel zitiert. …

Braucht Deutschland eine unabhängige Ermittlungsinstanz bei Vorwürfen gegen Polizeiverhalten wie in England und Wales?
Polizei: Unabhängige Kontrolle unerwünscht | Regensburg Digital

Die Spezialeinheit USK: Gewalttätige Übergriffe bei Fußballspielen oder Demonstrationen werden selten aufgeklärt. Foto: Archiv Braucht die Polizei eine


Der Bericht von Amnesty International | Mehr Verantwortung bei der Polizei | Amnesty International
Cilip 67 (Nr. 3/2000) - Rolf Gössner: Die Hamburger "Polizeikommission"

Bürgerrechtsgruppen haben seit langem die Einsetzung eines/einer Polizeibeauftragten gefordert. Nach einem größeren Polizeiskandal hat Hamburg diese Forderung in abgeschwächter Version aufgenommen und eine Kommission zur Kontrolle der Polizei geschaffen. Ein zentraler Mangel der nun seit zwei Jahren existierenden Institution ist ihre Ehrenamtlichkeit.