Wenn die Ministerin Fußball schaut
am 21.11.2006 von http://www.strafblog.de
Der badenwürttembergische Stromkonzern EnBW sieht sich von der Stuttgarter Staatsanwaltschaft mit unverhältnismäßigen Maßnahmen überzogen, die nicht mehr den Zwecken der Strafverfolgung sondern der Rufschädigung dienen. Wie die netzeitung berichtet, hat die Staatsanwaltschaft die Konzernräume im Zusammenhang mit einer Affäre um kostenlose Eintrittskarten für Politiker zu Spielen des VfB Stuttgart durchsucht. Die Ermittlungen richten sich gegen EnBW-Chef Utz Claassen und Baden- Württembergs Umweltministerin Tanja Gönner (CDU). In einer Konzernmitteilung heißt es, die Durchsuchungsmaßname sei völlig unverhältnismäßig und völlig unverständlich, da die EnBW von Anfang an völlige Transparenz gewährleistet hat.
Die Umweltministerin, die auch die Dienstaufsicht über die von der EnBW betriebenen Kernkraftwerke in ihrem Bundesland ausübt, hatte zweimal auf Kosten des Konzerns Spiele des VfB aus der EnBW-Loge heraus angeschaut. Strafbare Vorteilsgewährung durch den Konzern und strafbare Vorteilsnahme durch die Ministerin sieht die Staatsanwaltschaft hierin. Gönner hingegen sieht hierin ebenso wenig ein Problem wie Konzern-Chef Claassen. Letzterer weist darauf hin, dass Besuche von Fußballspielen nach Vorgaben des FDP-Justizministers Goll zu den repräsentativen Aufgaben von Mitgliedern der Landesregierung gehören. Außerdem gebe es einen Beschluss des Landgerichts Karlsruhe vom 7. November, wonach es rechtlich in Ordnung sei, wenn Sponsoren auch Politiker einladen, um sich solche Formen der Publizität zu Nutze zu machen.
Anmerkung: Die Durchsuchung der Konzernzentrale erscheint in Anbetracht der Tatsache, dass der Besuch der Fußballspiele durch die Ministerin auf Kosten des Konzerns völlig unbestritten ist, in der Tat auf den ersten Blick unverhältnismäßig. Man fragt sich allerdings, warum die Politiker nicht sensibilisiert sind, wenn es um Einladungen aus der Wirtschaft geht. Natürlich hinterlässt es einen etwas faden Geschmack, wenn ausgerechnet der Konzern, über den die Ministerin die Dienstaufsicht ausübt, deren Stadionbesuche sponsert. Das könnte ja deren Objektivität beeinflussen. Seit den Ticketaffären im Zusammenhang mit der Fuballweltmeisterschaft, wo es allerdings um wesentlich höhere Werte der Eintrittskarten ging, müsste man mehr Zurückhaltung erwarten, finde ich ...
Autor: RA Rainer Pohlen
Kanzlei POHLEN + MEISTER
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