Was ist eine Kusshand wert?

Weiter geht es im Sauerlandverfahren auf der Bühne der Schlussvorträge. Heute begann die Verteidigung mit den Anwälten von Fritz Gelowicz, Dirk Uden und Hannes Linke (beide Karlsruhe). Die Anwälte teilten sich die Aufgabe. Dirk Uden begann mit allgemeineren Bemerkungen, Hannes Linke beschäftigte sich mit der Strafzumessung.

“Es hat sie gegeben, die leisen Momente in diesem Verfahren, in denen man eine Stecknadel hätte fallen hören“, begann Dirk Uden ein wenig theatralisch seinen Schlussvortrag. Diese Momente, zum Beispiel im Rahmen der Geständnisse, seien ihm von der Bundesanwaltschaft zu wenig berücksichtigt worden.

Dabei sei es besonders der Umgang des Gerichts mit dem Verfahren gewesen, der für seinen Mandanten Fritz Gelowicz wichtig gewesen sei und ein Umdenken eingeleitet habe, so sein Verteidiger. Der “erfahrene Senat” habe “die Lufthoheit gehabt” und die Angeklagten ernst genommen und fair behandelt, stellte Uden fest. Die Erkenntnis habe Fritz Gelowicz letztlich zu dem Geständnis bewogen, an dem er mit seinem Mandanten “seit zwei Jahren gearbeitet” habe. Deshalb sei die Wende im Verfahren auch nicht überraschend gekommen: “Wir waren vorbereitet, als Adem Yilmaz seine [eigene] Verteidigung übernahm“.

Fritz Gelowicz habe für sich mit der Aufarbeitung des Geschehenen bereits in der Untersuchungshaft begonnen, dies sei für einen solchen Prozess ungewöhnlich. Trotzdem bleibe - auch für ihn als Verteidiger - nach wie vor die Frage nicht abschließend beantwortet: “Wieso entscheidet sich ein junger Mensch aus einer Ulmer Gartenzaunidylle dazu, in den Heiligen Krieg zu ziehen?”. Die Reaktion der USA auf die Anschläge des 11. Septembers 2001 sowie die Bilder aus Guantanamo und Abu Ghreib hätten aber sicher eine wesentliche Rolle gespielt. Das Verschwinden des von den USA entführten Khaled el-Masri (den Gelowicz aus seiner Neu-Ulmer Moschee kannte) habe Fritz Gelowicz rückblickend mit dem Satz kommentiert: “Die Amerikaner haben den Krieg in meine Moschee getragen, bis drei Meter von mir entfernt“.

Ausführlich setzte sich Uden in diesem Zusammenhang mit einem Vortrag von Prof. Volker Perthes (Direktor des Instituts für internationale Politik und Sicherheit sowie Vorstand der Stiftung Wissenschaft und Politik) auseinander, den dieser 2008 auf dem Symposium des Bundesnachrichtendienstes in Berlin gehalten hat. Dieser Vortrag wurde auf der Internetseite des BND veröffentlicht. Perthes setzt sich mit dem Verhältnis der europäischen (Sicherheits-)Politik zu den “zornigen jungen Männern” auseinander - aus denen je nach individueller Geschichte die Terroristen werden. Ich empfehle, den (lohnenden) Vortrag nachzulesen! Zweifellos passen die Thesen von Prof. Perthes gut auf die Sauerlandgruppe - auch wenn bei Fritz Gelowicz und Daniel Schneider die Besonderheit dazu kommt, dass der kulturelle “clash” ein selbstgewählter, bzw. selbstveränderter ist (war). Denn es…

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Themen: Guantanamo , Mensch , Linke , Bundesanwaltschaft , Fritz Gelowicz , Dirk Uden , Ottmar Breidling , Uden , Volker Brinkmann , Richter Olg Düsseldorf , Generalbundesanwalt , Hannes Linke

Erschienen 9. Februar 2010 auf http://www.swr.de/blog/terrorismus.

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