Vor dem Jihad noch schnell zwei Eis

Koblenz. Es war der bislang bemerkenswerteste Tag im zweiten Koblenzer Al Qaida-Verfahren. Ömer Ö. hatte sich in der Osterpause überraschend entschlossen, ein Teilgeständnis abzulegen. Und er bekam sogleich die Möglichkeit: Alle heutigen Zeugen waren kurzfristig wieder abgeladen worden - und Ömer erhielt das Wort. Was gesah, lässt sich kurz so zusammenfassen: Ömer war anfangs unsicher und brauchte eine Weile, bis er in Fahrt kam. Dann schilderte er seinen Weg ins Terrorcamp. Und als er am Mittag seine alte Selbstsicherheit wieder gewonnen hatte, zeigte Ömer im Gerichtssaal sein wahres Gesicht - und berichtete, wie er selbst zum Mörder wurde.

Um es mit Ömers Worten zu sagen: “Es war ganz schön heftig!”

“Ich weiss nicht recht, wie ich es sagen soll”, begann Ömer heute morgen um 10:05 Uhr seine Einlassung. Dabei lächelte er sein Ömer-Lächeln, das bislang jeder Zeuge aus seinem Umfeld als so typisch für ihn beschrieben hatte. “Fangen Sie einfach irgendwie an”, ermunterte ihn die Vorsitzende Richterin Angelika Blettner. ”Ich war in einem Terrorlager in Waziristan, 2006, das Datum wissen Sie ja”, sagte Ömer. Er habe sich nichts aufgeschrieben, sei nicht sicher, ob er alles zeitlich in der richtigen Reihenfolge hinbekomme. Aber er habe sich insgesamt Gedanken über seine Aussage gemacht - und sei sich sicher, die wichtigen Punkte zusammen zu bekommen. Dazu gehöre auch das Terrorlager. “Jetzt ist es raus,” wiederholte Ömer nochmal, “ich war im Terrorlager, sogar in zwei Lagern, eines von Al Qaida und eines, das war noch viel viel heftiger”.

Im ersten Lager habe er von Al Qaida eine Waffenausbildung erhalten. Pistolen, Gewehre, Mörser, Panzerfäuste, alles sei in dem Unterricht behandelt worden. Er selbst habe sich in Waziristan für 800 Dollar eine Kalaschnikow und drei Handgranaten gekauft - und das Gewehr am Ende der Ausbildung praktisch blind zerlegen und wieder zusammensetzen können. Das Lager sei im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan gewesen, aber wohl noch auf pakistanischem Gebiet. Nach einiger Zeit sei habe er sich dann um die Teilnahme an einem zweiten Camp bemüht, dass “heftiger” war. Grund seien die “fetten Saudis” im ersten Lager gewesen, derentwegen alles zu langsam gegangen sei. “Die haben eine Fastfood-Mentalität wie die Amis”, sagte Ömer wenig schmeichelhaft über seine Brüder. Deswegen habe er in das “heftigere” Lager im SWAT-Tal gewollt. Das sei von den Taliban kommandiert worden. “SWAT-Tal, wissen Sie?”, fragte Ömer. Die Vorsitzende wusste - und bestellte trotzdem einen Atlas “aus der Gerichtsbibliothek im Dienstgebäude I” zur Einsichtnahme. Der Wachtmeister brachte kurz darauf einen, nicht mehr ganz taufrischen und nicht besonders dicken “Marco Polo Weltatlas”. Auch die Justiz muss offenkundig sparen.

Mit dem Weltatlas auf dem Richtertisch wurde Ömers Reiseroute rekonstruiert: Durch die Türkei in den Iran. Durch den Iran an die…

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches

Themen: Koblenz , Lager , AL Qaida , Pakistan , Eis , Olg Koblenz , Jihad , Terrorcamp , Atilla Selek , Aleem N.

Erschienen 12. April 2010 auf http://www.swr.de/blog/terrorismus.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Ömers Erwachen - und Aleem soll DHL sein

Terrorismus in Deutschland | 15. April 2010 — Koblenz, am Dienstag. Es war der 2. Tag der Teileinlassung von Ömer Ö. im Al Qaida-Verfahren: “Wir haben den Eindruck, Ihnen is…

Der treue Sermet

Terrorismus in Deutschland | 21. April 2010 — Wie schon angedeutet, meldete sich gestern auch Sermet I. zu Wort. Nach drei Tagen Teileinlassung von Ömer Ö. wollte auch er ei…

Tolga war bereit

Terrorismus in Deutschland | 10. November 2009 — Heute Nachmittag kam Tolga D. als Zeuge nach Koblenz. Der 32jährige lebte lange in Ulm und wird der dortigen Islamistenszene zu…

Winkende Zeugen

Terrorismus in Deutschland | 10. November 2009 — Heute war ein klassischer Konflikttag für mich: In Düsseldorf im Sauerlandverfahren geht es weiter um die Festnahmesituation vo…

Wieder ein pfälzischer Blackout?

Terrorismus in Deutschland | 20. Oktober 2009 — Heute ging es im zweiten Koblenzer Al Qaida-Prozess mit der Befragung des „Kronzeugen“ Yannik N. weiter. Ende September hatte e…

Januskopf in der Brust

Terrorismus in Deutschland | 6. Juli 2010 — In Koblenz wurden heute die Schlussvorträge der Verteidigung gehalten. Es begannen die Rechtsanwältin Jasmin Wanka und ihr Koll…

Terrorist ohne Führerschein

Terrorismus in Deutschland | 15. Dezember 2009 — Als Zeuge war gestern erneut Aleem N. im Koblenzer Al Qaida-Verfahren geladen und wurde aus der Haft vorgeführt. Vergangene Woc…

Angelika Blettner: Schokoladentest und Schlagstock

Terrorismus in Deutschland | 28. September 2009 — Der Tag in Koblenz war nicht gerade ereignisarm: Yannick N. kam und sagte aus. Sein Personenschutz (Zeugenschutzprogramm) trat …

Ömer macht aus Aleem Stück für Stück einen Terrorist

Terrorismus in Deutschland | 19. April 2010 — Koblenz, Tag 3 des Teilgeständnisses von Ömer Ö. Der Tag stand für die Verfahrensbeteiligten ganz im Zeichen von Beratungen - u…

Mahlzeit!

Höchststrafe? | 13. September 2011 — Die Verhandlung begann schon mit deutlicher Verzögerung. Und dann macht mein Mandant noch nicht mal ein Geständnis, sondern sch…