Viel Lärm um nichts
am 08.07.2006 von RA-Blog
Die aktuelle Ladenschluss-Diskussion zeigt für mich mal wieder überdeutlich, woran es hakt in diesem Land: Jeder sieht nur sich selbst und seine nicht allzu tragfähigen Argumente und niemand guckt über den Tellerrand.
Die taz kann den Plänen einiger Bundesländer, den Ladenschuss freizugeben, offensichtlich nichts abgewinnen. Schließlich stören sich Einzelhandelsvertreter, Gewerkschaften und Kirchen daran. Kirchen? Natürlich. Sonntags hat die Kirche offen. Einzelhändler haben schlimmste Befürchtungen. Ohnehin gingen wieder einmal „die Kleinen“ baden. So ist von „Rund-um-die-Uhr-Shoppern“ die Rede, vom „den heiligen Sonntag fürs Einkaufserlebnis opfern“, die Leute, die für eine Freigabe eintreten werden gar „Ladenöffner“ genannt. Die verlängerten Ladenöffnungszeiten während der WM seien ein Flop gewesen und längere Öffnungszeiten führen automatisch zum Verlust sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze, weil die zugunsten von mehr Minijobs - „Billigjobs“ - verloren gingen, wie es schon seit Jahren statistisch zu beobachten sei.
Wie viele Volkswirtschaftler haben sich wohl zusammengefunden um solche Meinungen zu entwickeln? Natürlich möchte die taz nur für die Arbeitnehmer eintreten und dagegen ist nichts einzuwenden, aber an Dumpinglöhnen und der Zunahme von Minijobs ist doch nicht der vor einigen Jahren etwas liberalisierte Ladenschluss Schuld. Genauso wenig wird man weitere Auswüchse verhindern, indem man unser immer noch vergleichsweise restriktives Ladenschlussgesetz beibehält.
Ich glaube langsam, die Ladenöffnungsgegner verwechseln die Freigabe des Ladenschlusses mit einem staatlich verordneten Zwang zur Ladenöffnung. Dabei müssten es zumindest die Vertreter des Einzelhandels besser wissen. Wer jetzt schon seinen Laden nicht die erlaubten Stunden geöffnet hat, wird dies wahrscheinlich auch nach der Freigabe nicht einsehen. Das Geld wird in der Zwischenzeit von jemand anderem verdient, aber da hat nun einmal jeder die freie Wahl, und wir alle haben Internet, wo immer offen ist und die Händler Personalkosten sparen.
Warum ärgert es andere Unternehmen, wenn der Kaufhof immer offen haben will? Bestimmt nicht wegen der Arbeitnehmerrechte. Wer „Rund-um-die-Uhr-Shopper“ in seinem Geschäft nicht haben möchte, sollte sich nicht wundern, wenn rund um die Uhr anderswo eingekauft wird.
Ich habe wenig Verständnis dafür, wenn die Einzelhändler sagen, es läge an den hohen Lohnnebenkosten, dass man sich die Ladenöffnung kaum noch leisten kann. Früher hat sich Tante Emma von früh bis spät alleine hinter die Theke gestellt. Natürlich sind die Lohnnebenkosten zu hoch, meines Erachtens sogar derart unverschämt zu hoch, dass es nicht mehr feierlich ist. Aber gerade im Einzelhandel werden sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze abgebaut, wo es nur geht.
Es ist doch kaum verwunderlich, das die Leute sich für ihren schmalen Lohn derart mit ihrem Unternehmen identifizieren, dass bei jeder weiteren Stunde Arbeitszeit der Ausstand droht.
„Die Leute können ihr Geld nur ein Mal ausgeben“ sagen die Inhaber der kleinen Fachgeschäfte gern. Ob nun das Huhn oder das Ei zuerst da war, ist dabei vollkommen belanglos. Aber wer nicht einsieht, dass er durch Abbau sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung zur schwindenden Kaufkraft beiträgt, der sollte sich über letztere nicht so lauthals beschweren.
In Kleinstädten, wie zum Beispiel hier, sind die Läden nicht bis acht Uhr offen, obwohl es seit Jahren erlaubt wäre. Wenn ich Zeit habe, ist meistens zu. Unseren Stadtslogan „Einkaufsstadt Heinsberg“ haben die Verantwortlichen mittlerweile verworfen. Stimmte ja auch nicht, es müsste „Hochburg der Online-Shopper“ heißen. Da wird sich auch mit einer Aufhebung des Ladenschlussgesetzes vermutlich nichts dran ändern.
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