Uni prüft Plagiatsvorwürfe gegen FDP-Spitzenpolitikerin
Berlin (Reuters) - Die Universität Heidelberg will die Plagiatsvorwürfe gegen die FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin rasch
aufklären.
Der Dekan der Philosophischen Fakultät habe den Promotionsausschuss zusammengerufen, der die 227 Seiten umfassende Dissertation nun
prüfen werde, sagte Rektor Bernhard Eitel am Dienstag zu Reuters TV. In den nächsten Tagen oder Wochen werde das Gremium dann zu den
Vorwürfen Stellung nehmen. Erst danach werde die Universität Konsequenzen ziehen, "seien sie im Positiven oder Negativen". Die
Prüfung erfolge auf jeden Fall ergebnisoffen.
Nach Angaben der Internetplattform "VroniPlag Wiki" konnten bis Dienstagabend auf 27 Seiten Plagiate nachgewiesen werden, was mehr
als 13 Prozent der gesamten Doktorarbeit Koch-Mehrins ausmachen würde. Koch-Mehrin lehnte eine Stellungnahme ab. Ein Sprecher verwies
auf die Untersuchungen der Universität.
Koch-Mehrin hatte 1998 unter dem Titel "Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik" eine Dissertation über die
Lateinische Münzunion verfasst. Zuvor studierte sie von 1990 bis 1995 Volkswirtschaftslehre und Geschichte in Hamburg, Straßburg und
Heidelberg.
Die Vorwürfe gegen die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments treffen die Liberalen in einer schwierigen Phase: Als Konsequenz
aus den jüngsten Wahlschlappen und den anhaltend schlechten Umfragewerten soll die FDP-Spitze inhaltlich und personell neu
aufgestellt werden. Unter dem designierten Vorsitzenden Philipp Rösler will die FDP verloren gegangenes Vertrauen und Sympathien
zurückgewinnen. Die dreifache Mutter Koch-Mehrin gilt dabei als eine Hoffnungsträgerin.
Die 40-Jährige ist Mitglied in Präsidium und Bundesvorstand und gehört damit zur obersten Führungsspitze der FDP. Ihr werden
Ambitionen auf einen der drei Posten des Vizeparteichefs nachgesagt. Ihr baden-württembergischer Landesverband hat sich allerdings
vor wenigen Tagen entschieden, allein Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel zu nominieren. Als Chefin der FDP-Abgeordneten im
Europäischen Parlament ist Koch-Mehrin aber auch künftig Mitglied in Präsidium und Bundesvorstand.
Die Hochschule habe erst am Montag über die Internetplattform von den Vorwürfen erfahren, sagte eine Uni-Sprecherin. Sollte sich der
Verdacht erhärten, werde die "Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" eingebunden. Auch Koch-Mehrin werde um eine
Stellungnahme gebeten. Die Prüfungen geschähen "so schnell wie möglich, aber auch mit der gebotenen Sorgfalt". Genaue Zeitangaben
ließen sich nicht machen. Die Universität habe aber ein großes Interesse, den Vorgang sehr zügig aufzuklären.
Die anonymen Plagiatjäger im Internet hatten bereits in der Doktorarbeit des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu
Guttenberg zahlreiche Passagen entdeckt, die von anderen Autoren übernommen waren, ohne entsprechend gekennzeichnet zu sein. Nach
Aberkennung des Doktortitels und anhaltendem Druck war Guttenberg von allen politischen Ämtern zurückgetreten.
Der CSU-Politiker hat angekündigt, die Untersuchung seiner Dissertation durch die Universität Bayreuth nicht veröffentlichen zu
wollen. Medienberichten zufolge geht die Uni davon aus, dass Guttenberg beim Verfassen der Arbeit absichtlich täuschte. Kanzlerin
Angela Merkel drängte Guttenberg am Montag über ihren Regierungssprecher, sich an der Aufklärung der Vorwürfe zu beteiligen.
Der Name der Internet-Plattform "VroniPlag Wiki" geht allerdings auf einen anderen Fall zurück: Auch die Doktorarbeit von Veronica
Saß, der Tochter des ehemaligen CSU-Chefs Edmund Stoiber, stand im Visier der Plagiatssucher. Auf fast 45 Prozent der Seiten ihrer
Arbeit wurden demnach Plagiate gefunden.
Quelle:
Reuters (12. April 2011)