Umweltamt warnt vor Feinstaub-Dramatisierung

Berlin (Reuters) - Nach der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zum Recht auf saubere Luft warnt das Bundesumweltamt vor einer Dramatisierung der Feinstaubbelastung.

"Deutschland ist alles andere als eine Feinstaubwüste", sagte Expertin Marion Wiechmann-Fiebig dem "Handelsblatt" von Montag. Zwar würden in Deutschland voraussichtlich auch in diesem Jahr die zulässigen Feinstaubgrenzwerte an rund 40 Messstellen mehr oder weniger deutlich überschritten. Richtig sei aber auch, dass es inzwischen in allen Problemregionen Aktionspläne zur Feinstaubreduktion gebe. Der Städte- und Gemeindebund warnte vor neuen Auflagen und neuer Bürokratie für die Kommunen.

Nach der Entscheidung der EU-Richter dürfen die Bürger die Erstellung eines Aktionsplans zur Luftreinhaltung von den Behörden fordern, wenn eine Überschreitung der Grenzwerte für Feinstaubpartikel droht. Die Richter gaben mit dem Urteil der Klage eines Münchner Umweltschützers statt, der an einer stark befahrenen Straße wohnt und Bayern zur Aufstellung eines Maßnahmeplans für sauberere Luft zwingen wollte.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, kritisierte: "Die Städte werden in die Verantwortung genommen, obwohl sie nicht die Verursacher der Belastungen sind." Der krebserregende Feinstaub werde nicht nur durch den Straßenverkehr verursacht, sondern auch durch Industrieanlagen. "Nach dem Verursacherprinzip hätte deshalb dort angesetzt werden müssen", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Das nun weiter zunehmende Errichtung von Umweltzonen sowie das Sperren und Abspritzen von Straßen verteile die Belastungen letztlich nur an andere Stellen. Landsberg forderte eine gezielte Förderung schadstoffarmer Kraftfahrzeuge, insbesondere von Lkw.

Umweltamt-Expertin Wiechmann-Fiebig sagte, dass die rund 90 Aktionspläne zur Feinstaubreduzierung bislang nicht überall erfolgreich gewesen seien, habe auch mit der vom EuGH als erforderlich anerkannten Abwägung zwischen dem Umweltschutzinteresse und der anderen Interessen der Menschen wie etwa an einem ungehindert fließenden Verkehr zu tun, sagte Wiechmann-Fiebig. "Hätte sich zum Beispiel Berlin entschieden, in seiner Umweltzone nur noch Fahrzeuge mit grüner Plakette zuzulassen, so wäre der umweltpolitische Erfolg sicher größer gewesen."

Der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Ernst Hinsken, sieht derweil laut dem Magazin "Focus" durch die Fahrverbote in vielen Großstädten die Existenz vieler Omnibusunternehmen gefährdet. Ihn einem Brief an die Ministerpräsidenten und Bürgermeister habe er daher längere Übergangsfristen für Busfahrten in städtische Umweltzonen gefordert. Notwendig seien großzügigere und bundesweit einheitliche Regelungen.



Quelle: Reuters (27. Juli 2008)

  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches

Themen: Berlin , Feinstaub

Erschienen 27. Juli 2008 bei http://www.reuters.com.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Kommunen befürchten Milliardenausfälle durch Steuerpläne

Reuters | 27. Oktober 2009Berlin (Reuters) - Nach zahlreichen Bundesländern haben nun auch die Städte und Gemeinden massive Vorbehalte gegen die Koalit…

Kommunen warnen vor Steuersenkungen

Reuters | 1. Juli 2009Berlin (Reuters) - Der Deutsche Städte- und Gemeindebund sieht angesichts der hohen Staatsverschuldung keinen Spielraum für S…

Zeitung: Anspruch auf Krippenplatz in Gefahr

Reuters | 11. Januar 2010Berlin (Reuters) - Die Spitzenverbände der Kommunen erwarten, dass der Ausbau der Kinderkrippen in Deutschland scheitert. "Wi…

Schilderwald in Umweltzonen

Schadenfixblog | 22. Februar 2010 — Das Verwaltungsgericht Berlin (VG) hat mit Urteil vom 09.12.2009 (Az.: 11 A 299.08) über die Klage eines Berliner Bürgers entsc…

ADAC: Umweltzonen wirkungslos

LawBike.de | 5. Februar 2012 — Schon im Jahr 2008 hielt der ADAC Umweltzonen für wirkungslos. Nach Ansicht des ADAC seien diese schlichtweg Unsinn. Etwaige Kl…

Kommunen fordern Bundeshilfen wegen steigenden Sozialausgaben

Reuters | 7. September 2009Berlin (Reuters) - Angesichts eines drohenden Anstiegs der kommunalen Sozialausgaben in Milliardenhöhe fordert der Deutschen St…

Kommunen könnten schnell neue Milliarden investieren

Reuters | 15. Dezember 2008Berlin (Reuters) - Die Kommunen könnten nach eigenen Angaben auch kurzfristig Milliardensummen investieren, um die Wirtschaftsk…

Gemeindebund warnt: Kommunen müssen Investitionen auf Eis legen

Reuters | 30. Oktober 2010Berlin (Reuters) - Die Kommunen müssen wegen der anhaltenden Finanzmisere viele Investitionen auf Eis legen. "Der Wirtschaft ge…

Kommunen: Konjunkturhilfen dürfen nicht in Schuldensumpf führen

Reuters | 23. Dezember 2008Berlin (Reuters) - Angesichts der Debatte um Konjunkturhilfen warnt der Deutsche Städte- und Gemeindebund vor einem "verheerend…

Kommunen könnten schnell neue Milliarden investieren

Reuters | 15. Dezember 2008Berlin (Reuters) - Die Kommunen könnten nach eigenen Angaben auch kurzfristig Milliardensummen investieren, um die Wirtschaftsk…