Terrorfieber: Vom Sessel in den Knast
Heute Abend hat der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs den 24jährigen Adnan V. in die Untersuchungshaft geschickt. Der Mann aus Offenbach, der die deutsche und die türkische Staatsangehörigkeit besitzen soll, war gestern in Frankfurt durch das BKA festgenommen worden. Es ist nach meiner Zählung die vierte Festnahme in den vergangenen zwei Wochen. Ich diagnostiziere “Terrorfieber” und bitte um differenzierte Betrachtung. Wer dazu bereit ist, klicke auf “weiterlesen”.
Tatsache ist: Der Beschuldigte Adnan V. wird die Unterstütztung von Al Qaida vorgeworfen. Kein Pappenstiel. Diese Unterstützung soll er über das Internet betrieben haben. “Sessel-Jihadisten” nennen Ermittler solche Leute, die in Foren und auf Internetportalen die große Rede schwingen - ohne (bis dahin) selbst aktiv zu sein. Das ist alles andere als harmlos. So soll Adnan in deutlichen Worten Terror-Videos kommentiert haben und in Foren als Administrator Herr über Mitgliedschaften und Meinungen gewesen sein. Auch soll er in einer Art virtuellem Unterricht über das Netz Sprengstoffherstellung erklärt haben. Als er selbst einschlägige Chemikalien (diesmal nicht H2O2) beschaffte, schlug das BKA zu.
Keine Frage, all das dürfte reichen, sich ein Ermittlungsverfahren des Generalbundesanwalts einzufangen. Auch wenn heute keinesfalls alle beteiligten Ermittler sicher waren, wie der Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof den Fall beurteilen würde und ob er Untersuchungshaft für angemessen halten würde. Doch der Ermittlungsrichter war überzeugt - und Festnahme und U-Haft sind also begründet. Trotzdem: Der Zeitpunkt und die bislang bekannten Umstände machen mich ratlos.
“Geringe Mengen” von bombenfähigen Chemikalien soll man bei Adnan V. gefunden haben. Niemand geht aber von einem Bombenbau aus, geschweige denn von konkreten Anschlagsvorbereitung. Auch mit dem aktuellen Terrorvideo von Bekkay Harrach bringt man den Mann nicht in Verbindung. Im Gegenteil: Er sei ein Einzeltäter, sagt ein Ermittler. Trotzdem wird der Fall am Vorabend des Tags der Deutschen Einheit bekannt - im Kontext von extremen Sicherheitsmaßnahmen, die seit NATO-Gipfel und Fußball-WM ihresgleichen suchen.
Ist das instinktlos oder schmerzfrei?
Damit wir uns nicht missverstehen: Wenn die Vorwürfe zutreffen, bzw. der Verdacht gerechtfertigt war, bin ich der Letzte, der sich über Ermittlungsverfahren und entsprechende Maßnahmen beschwert. Ich halte die “Sessel Jihadisten” für durchaus gefährlich. Aber der Zeitpunkt des Zugriffs steht - soweit erkennbar - in krassem Missverhältnis zur realen Gefahr. Monatelang hielten BKA und Generalbundesanwalt 2007 die Sauerlandgruppe unter Kontrolle, obwohl die (damals drei bis vier) Terroristen schon hundertlieterweise hochkonzentriertes Wasserstoffperoxid einkauften und mit zahlreichen “Gefährdern” in Verbindung standen.
2009 reicht ein “Einzeltäter” und eine “g…
» Vollständiger ArtikelThemen: Frankfurt , Rede , Terror , Knast , AL Qaida , Bundesanwaltschaft , Anschlag , H2o2 , Generalbundesanwalt , Bka Adnan
Erschienen 2. Oktober 2009 auf http://www.swr.de/blog/terrorismus.
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