Aliquid Semper Haeret: Suizid eines Mandanten, oder: Aliquid semper häret
strafblog | 3. Juni 2006 — Vor wenigen Stunden erreichte mich die Nachricht, dass ein erst gestern wegen eines Mißbrauchsvorwurfes inhaftierter Mandant in de…
Gestern hatte ich bereits gebloggt, dass ein am Vortag verhafteter Mandant in der Nacht zum Samstag in der Justizvollzugsanstalt Suizid begangen hat. Klar, dass dieses traurige Ereignis die Pfingsttage überschattet. Mit der Verwandtschaft des Mannes habe ich mehrfach telefoniert. Die Angehörigen sind empört, fragen, wieso ein Mensch, von dessen Unschuld sie überzeugt sind, in Haft genommen werden konnte. Und wer jetzt für die Folgen aufkommt. Und wer sich um die kranke Ehefrau kümmert. Und, und, und ... Man kann viele Antworten geben, aber sie treffen nicht den Kern. Da sind Wut und Trauer über das Geschehene, Fassungslosigkeit und Unverständnis und vielleicht auch stille Zweifel, ob an dem Missbrauchsvorwurf, der zur Inhaftierung führte, nicht doch etwas dran sein könnte. Aber das kommt nicht an die Bewusstseinsoberfläche, jetzt muss man erst einmal mit dem Schock fertig werden und sicher auch mit der Hilflosigkeit, welche die Situation mit sich bringt. Also werden Verantwortliche für den Tod gesucht und da fällt als Erster der Richter ein, der den Haftbefehl erlassen hat. Der Verteidiger kommt vielleicht auch in Betracht, immerhin hat der die Inhaftierung nicht verhindern können, aber bislang ist mir kein Vorwurf gemacht worden. Und natürlich auch die Familie des angeblich missbrauchten Kindes, Nachbarn, die einfach Strafanzeige erstattet haben, nachdem sie Verdachtsmomente erkannt zu haben glaubten. Aber mal ehrlich, welche Eltern würden das nicht tun, wenn sie den Verdacht für plausibel halten? Mitte der Woche treffe ich mich mit den Angehörigen, dann besprechen wir die Sache persönlich. Das sind schwierige Situationen, schwerer als jede Situation im Strafprozess. Das lässt sich nicht einfach mit Routine bewältigen. Aber das gehört halt auch zum Job und vielleicht hilft es ja ein kleines Bißchen ... Autor: RA Rainer Pohlen Kanzlei POHLEN + MEISTER
Erschienen 4. Juni 2006 auf http://www.strafblog.de.
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