Student sein ohne zu studieren oder: der Bachelor als Fahrplan

Der Göttinger Germanist Heinrich Detering spricht in einem nicht vorgetragenen Abschnitt seiner Dankrede bei der Verleihung des Leibniz-Preises der DFG traurige Wahrheiten über das Bachelor- und Master (BA/MA)-System aus: [...] Ich stünde heute nicht hier, wenn es damals dieses studentische Leben [Anm. d. Red.: welches er vorher ausführlich beschreibt] nicht gegeben hätte. Und verbringe nun, im Alltag, viel Zeit damit, am selben Ort Studierende zu betreuen, deren Studienplan rabiater durchgerechnet ist als der Fahrplan der Deutschen Bahn und der keine Verspätungen duldet, keine waghalsigen und nur probeweise vertretenen Thesen und schon gar keine offenen Fragen. Die Fragen, die sie mir in den Sprechstunden stellen, gelten weder Kafka noch Leibniz, sondern der Punktzahl, die deren Lektüre in drei Monaten erbringt. - Von Kollegen höre ich, man könne sich ja nun dank dieses Preises dem Alltag der modularisierten Studiengänge durch Flucht entziehen und der eigenen Freiheit leben. Noch schöner wäre es, die Freiheit wäre auch die Freiheit der Anderslebenden.“ Die FAZ vom 8. April greift diesen und andere Aspekte unter dem Titel "Student sein ohne zu studieren" auf. Es ist erstaunlich, wie viele Lehrende mit der gegenwärtigen Situation unzufrieden zu sein scheinen, das BA/MA-System jedoch nicht offener und nachhaltiger anprangern wollen, das uns - entgegen anderslautender Behauptungen - nicht durch die unverbindliche Bologna-Erklärung oktroyiert wurde. Das, was momentan von statten geht, ist eine Zerstörung der Universität wie wir sie kennen und schätzen. Letzte gallische Dörfer (z.B. die Juristen) wehren sich gegen dieses System, bei der für jede Stunde Vorlesungszeit sowie Vor- und Nachbereitung "Leistungspunkte" nach dem angefallenen "workload" verteilt …

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Themen: Studium , Kollegen , Bologna , Wissenschaft , Kafka

Erschienen 15. April 2009 auf http://www.jurabilis.de.

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