Harte Bälle
Aktenvermerk | 6. Juli 2006 — Wie Werner Siebers in seinem Blog schon berichtet hatte, wurden im Berliner Stadtgebiet mehrere Beton-gefüllte Fußbälle gefun…
Ich erinnere mich an eine Szene aus dem Film Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, der auf dem gleichnamigen Roman von Franz-Josef Degenhard basiert. Da ist ein Gruppenführer der Hitlerjugend, der bei den Arbeiterkindern der Wohngegend nicht gerade beliebt ist und diese ständig schikaniert. Ein paar Jungs spielen vor den schmutzigen Fassaden der Wohnsiedlung Fußball und der Hitlerjugend-Jugendliche schaut aus dem Fenster, sieht sie dort spielen und sein Gesicht verschwindet aus dem Fensterrahmen. Die Jungs tauschen schnell den Fußball mit einer eigens präparierten Betonkugel, die wie ein Fußball aussieht. Das Braunhemd kommt aus dem Haus, sieht den vermeintlichen Ball dort liegen, nimmt Anlauf und tritt mit Wucht dagegen. Ich sehe das schmerzverzerrrte Gesicht der Gefoppten und das triumphierende Lachen der Täter vor meinem geistigen Auge. Die Polizei hat gestern laut spiegel.de zwei 26 und 29 Jahre alte Österreicher (natürlich Österreicher!) festgenommen, die Ende Juni mehrere mit schwarz-weißem Fußballmuster angemalte 10 Kilo schwere Betonfußballe in verschiedenen Berliner Stadtteilen mit Gliederketten an Bäumen, Geländern und Laternen befestigt hatten. Zumeist war in ihrer unmittelbaren Nähe mit rosafarbener Farbe der auffordernde Slogan "Can u kick it?" ("Kannst du ihn kicken?") aufgesprüht worden. Beim Treten gegen die Betonfußbälle hatten sich zwei 21 und 23 Jahre alte Männer leicht am Fuß verletzt. Wegen des Bezugs zur Fußball-WM hatte der Berliner Staatsschutz die Ermittlungen übernommen und gestern Nachmittag bei einer Durchsuchung in der Strelitzer Straße in Berlin-Mitte unter anderem mehrere neue sowie bereits präparierte und fertige Bälle, dazu verschiedene Ketten und Sprühflaschen entdeckt. Pfui! Gegen die beiden Österreicher wird jetzt wird wegen fahrlässiger und gefährlicher Körperverletzung sowie gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr (?) ermittelt, teilt der SPIEGEL mit. Die beiden Österreicher sind über die Reaktion auf ihre Aktion einigermaßen entsetzt, ist inzwischen anderweitig zu lesen. Sie verstehen sich als Straßenkünstler, die eigentlich nichts Böses anrichten und niemanden schädigen wollten. Einige der Betonbälle hätten sie an Wände und Bäume gehängt, so dass niemand dagegen treten konnte. Vielleicht doch nur fahrlässige Körperverletzung oder nicht mal das, weil die beiden Männer, die gegen die Betonbälle getreten haben, nur zu blöde waren, den Kunstcharakter zu erkennen? Wie dem auch sei, irgendwie lustig ist der Fall sicherlich und die Straßenkunst hat ungeahnte Publizität gefunden. Autor: RA Rainer Pohlen Kanzlei POHLEN+ MEISTER
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