Sieg des Mittelmaßes

Im Augenblick nervt ein Brite, der in einem Werbespot Auszüge einer Arie aus Puccinis “Turandot” vergewaltigt. Mir ist es egal, dass dieser Mensch angeblich eine klassische Gesangsausbildung hat, die offenbar fruchtlos geblieben ist und in Wirklichkeit auch schon einmal auf einer Amateurbühne stand. Nicht egal ist mir, dass echte Künstler um ihre Meriten gebracht werden, weil irgendein Handyverkäufer meint, er könne singen. In Wirklichkeit ist die Zuneigung zu diesem Briten nur ein Anzeichen dafür, wie kaputt unsere Gesellschaft ist. Oder besser: wie kulturlos. Da wird das (bestenfalls!) Mittelmaß plötzlich zum Großereignis, Leistung und Lohn stehen in keinem Verhältnis mehr. Das untrügliche Zeichen dafür, dass kein Künstler sondern nur die Fratze des Konsums vor einem steht, ist der Umstand, dass er ein “Best of”-Album zusammenschustert.

Ich empfehle jedem, der meint, er habe gerade in der Werbung eine herausragende Stimme gehört, das nächstbeste Opernhaus in seiner Nähe zu besuchen, das eine Oper mit eingängiger Melodie vorführt. Vielleicht den Freischütz. Oder etwas von Wagner, die Chance ist gut, dass man an einigen Stellen mit summen kann. Und wenn der Sitznachbar sich genervt fühlt, weil man ihm mitteilen möchte, dass das, was das Orchester da gerade spielt, der eigene Handyklingelton sei oder in einem Werbespot für Tiefkühlpizza laufe, dann hat man eben erlebt, wie sich ein Primat fühlen muss, wenn ihn ein Toastbrot anrempelt.

Perfekt in diese Reihe passen hektisch angebrachte Aufkleber wie “Bekannt aus der TV-Werbung” auf Klassik-CDs. Droht wohl jetzt auch Turandot.

Meine Bitte: kann man für Werbung nicht die Musik nehmen, die sie verdient? Oder nur einen Jingle?

© David Klein. (Digitaler Fingerprint: 1958fb6735d01a9d5405f0b7c320faa0) Social Bookmark setzen
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Themen: Kultur , Oper

Erschienen 31. Juli 2008 auf http://kleinblog.com/.

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