Schulklassen, Gerichtsbesuche und Sternstunden der Pädagogik

Es ist kurz vor den Osterferien. Man merkt es daran, dass die Tage länger werden, die Luft wärmer und Schulklassen in Gerichtssälen sitzen, denen offenbar der Zahn gezogen werden soll, dass es "in echt" nicht so zugeht wie bei Frau Salesch und ihren TV-Kollegen. In der zurückliegenden Woche habe ich an 4 verschiedenen Gerichten verteidigt, 3 Mal saß eine Schulklasse im Saal, was jeweils dazu führte, dass bei meinen Mandanten neben den Fragezeichen im Gesicht noch mehr der Schweiß auf der Stirn stand. Alle Schüler haben sich besser benommen, als ich das in einem vergleichbaren Alter wohl getan hätte - soviel sei schon mal gesagt. Alle waren brav still, Unterhaltungen im Flüsterton wurden so leise geführt, dass vorne nichts mehr davon ankam. Einige malten Skizzen vom Gerichtssaal, andere machten sich Notizen und wieder andere schienen in dumpfes Brüten verfallen, wobei die Zahl der dumpfen Brüter bei Weitem am größten war. Irgendwie kann ich das gepflegte Desinteresse am wahren Leben angesichts dessen, was nachmittäglich über die Bildschirme flimmert, sogar verstehen. Da tauchen urplötzlich Zeugen auf, die, ebenso wie die Angeklagten das jeweils gewünschte Klischee bedienen, der bärbeißige Staatsanwalt sorgt immer mal wieder für einen Lacher, während der Verteidiger meist dummes Zeug redet und am Ende, sozusagen nach der Siegerehrung seines Mandanten zu einer mehrjährigen Haftstrafe, die Eselsmütze aufhat. Die Rechte des Angeklagten werden auf ein tv-taugliches Minimum reduziert und die Verhandlunsführung durch den Vorsitzenden ist bisweilen ein hübsches Sammelsurium für Befangenheitsanträge, die natürlich keiner stellt, weil das nicht ins Format passt. Und dann die Realität: alles geht deutlich weniger hoch her als im Fernsehen, wirkt viel formaler und wenn man Pech hat, geraten sich nicht einmal Verteidiger und Staatsanwalt in die Haare. Zu allem Überfluss dauern manche Sitzungen deutlich länger als die TV-Verhandlungen, was Konzentration und Geduld auf eine harte Probe stellt, und es gibt nicht mal Werbepausen. Und da soll man sich als Schüler noch gut unterhalten fühlen?! Unabhängig davon frage ich mich, wer die Kinder wie auf eine Verhandlung vorbereitet und, falls es eine Vorbereitung gibt, wieviel Kenntnisse der jeweils vorbereitende Lehrkörper hat. Als ich nach einer Verhandlung meine Siebensachen zusammenpackte, bekam ich mit, dass sich der…

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Themen: Pech , Saal

Erschienen 19. März 2010 auf http://strafverfahren.blogspot.com/.

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