Ärzte in Sorge um Zukunft der medizinischen Versorgung

Berlin (Reuters) - Die Ärzte sehen die medizinische Versorgung der Patienten in Deutschland zunehmend in Gefahr.

Aus Protest blieben nach Angaben des Verbands "Freie Ärzteschaft" am Montag bundesweit rund 10.000 Praxen geschlossen. Am Dienstag werde es vermutlich jede dritte der 100.000 Arztpraxen sein, sagte Präsident Martin Grauduszus am Montag zu Reuters in Mainz. Die Proteste von Haus- und Fachärzten sollen die gesamte Woche über andauern. Grauduszus beklagte, die Ärzte verlören immer mehr ihre Unabhängigkeit und müssten in Medizinzentren als Angestellte arbeiten. Die Patienten würden zu Renditeobjekten.

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund kritisierte unmittelbar vor dem am Dienstag beginnenden 112. Deutschen Ärztetag in Mainz eine zunehmende Rationierung von Leistungen infolge der Budgetierung der Ausgaben. Als Konsequenz forderte ihr Chef Rudolf Henke eine offene Debatte darüber, "welche Leistungen auf jeden Fall erbracht und bezahlt werden und welche nur dann, wenn das Geld reicht". Eine ähnliche Rangliste für die Krankenversicherung hatte Bundesärztekammer-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe gefordert. Damit war er bei den Kassen und der Regierung auf scharfe Kritik gestoßen.

SCHMIDT: KEINE KLASSIFIZIERUNG NACH DRINGLICHKEIT

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", eine Klassifizierung nach Dringlichkeit entspreche nicht ihrem Verständnis vom Sozialstaat. "Es wird keinen Prioritätenkatalog für Krankheitsbehandlungen geben." Allerdings müssten neue Diagnose- und Therapieverfahren unter Kosten-Nutzen-Aspekten bewertet werden. Zum Ausschluss könne es kommen, wenn diese nichts nützten, sagte die SPD-Politikerin.

Nach Ansicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hat die Gesundheitsreform die flächendeckende medizinische Versorgung in Deutschland stark gefährdet. Chef Andreas Köhler forderte von der Politik ein klares Bekenntnis zur ärztlichen Selbstverwaltung, zum Erhalt des freien Arztberufs sowie zum Kollektivvertrag. Letzterer regelt als Kernelement der medizinischen Versorgung wie viel Geld für die ambulante Versorgung zur Verfügung steht. Die Kassenärztlichen Vereinigungen verpflichten sich darin, ein ausreichendes Angebot an Praxen und Notfalldiensten sicherzustellen. Allerdings halten sie dieses Netz für gefährdet, da immer mehr Kassen und Arztgruppen auf eigene Faust Behandlungsverträge abschließen.

Schmidt sagte, sie halte trotz aller Probleme am selbstverwalteten Gesundheitssystem fest. "Ich wüsste nicht wie die Versorgung der Patienten rund um die Uhr flächendeckend sichergestellt werden könnte, wenn nicht durch die Kassenärztlichen Vereinigungen." Allerdings bräuchten diese keine Monopolstellung bei Honorarverhandlungen.

Die Ministerin schloss zugleich einen höheren Steuerzuschuss zum Gesundheitsfonds nicht mehr aus. Niemand wisse, ob sich die Prognosen für die Einnahmen des Fonds in diesem Jahr wegen der wachsenden Arbeitslosigkeit verschlechterten. In diesem Falle könne der Steuerzuschuss "auch mehr werden" als die vorgesehenen 11,8 Milliarden Euro.



Quelle: Reuters (18. Mai 2009)

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Erschienen 18. Mai 2009 bei http://www.reuters.com.

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