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Richter fassungslos: Junge Mädchen spielen mit ihrem Leben

am 21.12.2006 von http://www.woetzel-online.info/

Die
Staatsanwaltschaft legt ihm versuchten Totschlag in sieben und
gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen zur Last:
Zum Auftakt seines Prozesses vor dem Würzburger Schwurgericht
hat ein 38 Jahre alter Afrikaner eingeräumt, mit fünf
Frauen ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, ohne
sie zuvor über seine HIV-Infektion aufzuklären.

„Aus
Hass auf deutsche Frauen“, so der Oberstaatsanwalt, habe
der in Kenia geborene Discjockey und Musiker, der sich selbst als
„Künstler“ bezeichnet, seine Intimpartnerinnen vorsätzlich
mit dem Erreger der unheilbaren Immunschwäche-Krankheit Aids
anstecken wollen. Dabei habe der Schwarzafrikaner auch den möglichen
Tod der Frauen „billigend in Kauf genommen“. Laut
Anklage hat der 38-Jährige seit September 1999 mit mindestens
sieben Frauen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren ungeschützt
geschlafen. Damals kam er aus der Abschiebehaft und hatte gerade
erfahren, dass er sich – höchstwahrscheinlich bei seiner
ehemaligen deutschen Ehefrau – mit dem HI-Virus infiziert hatte.
Vom Gesundheitsamt wurde er umgehend über die Folgen der
Infektion für sein Sexualleben aufgeklärt, die Belehrung
bestätigte er mit seiner Unterschrift. Das Ordnungsamt der Stadt
Würzburg verpflichtete ihn außerdem mit einem
schriftlichen Bescheid, seine Sex-Partner vor dem Geschlechtsverkehr
über seine HIV-Infektion aufzuklären.
Das
tat der 38-Jährige nach Auffassung der Staatsanwaltschaft
absichtlich nicht. Sein Verteidiger hält dagegen: „Er ging in
allen Fällen davon aus, dass das Risiko der Ansteckung selbst
bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr sehr gering ist.“ Der Angeklagte habe niemanden
absichtlich anstecken wollen und auch nicht aus Hass oder Rache
gehandelt.



In einer von seinem Anwalt verlesenen Erklärung räumte
der Musiker immerhin ein, mit fünf der in der Anklageschrift
aufgeführten sieben Opfer immer wieder ungeschützt
geschlafen zu haben. Bei den beiden übrigen Frauen habe er aber
ein Kondom benutzt. Der 38-Jährige selbst machte keine Angaben
zu den Vorwürfen, erzählte nur von seinem Lebenslauf:
Demnach hat er seinen Vater nie gesehen und ist als eines von acht
Kindern in einem kenianischen Dorf ohne Strom und fließendes
Wasser aufgewachsen. Im Alter von neun Jahren sei er von einem
„Hausboy“ der Familie sexuell missbraucht worden, gab er zu
Protokoll. Auf
den Medienrummel – drei Fernsehteams waren beim Prozessauftakt
dabei – hatte sich der Mann gut vorbereitet: Er trug ein Tuch mit
Sehschlitzen vor dem Gesicht, so lange die Kameras im Sitzungssaal
waren. Von mehreren Opfern, die am ersten Verhandlungstag als Zeugen
gehört wurden, beantragte nur eine heute 27-Jährige den Ausschluß der Öffentlichkeit. Die Würzburgerin ist eine von zwei Frauen, die sich beim Angeklagten
mit dem HI-Virus infiziert haben. Zwar sind die Virenstämme noch
so schwach ausgeprägt, dass sie keine Medikamente benötigt,
trotzdem hat sie große Angst vor der Zukunft: "Ich denke
jeden Morgen schon beim Aufwachen daran“. Sie war vier Jahre lang
mit dem Angeklagten zusammen und hatte, wie andere Opfer auch, nur
ungeschützten Geschlechtsverkehr mit ihm. Der Afrikaner
unterhielt offenbar ständig sexuelle Beziehungen zu mehreren
Frauen gleichzeitig.




Schwer
belastet wurde er von einer 26-jährigen Ex-Freundin, mit der er
eine Tochter hat. „Er hat mir gesagt, dass ich mich nicht anstecken
kann. Ich war damals so jung und dumm und habe auf ihn gehört“,
sagte die junge Frau. Sie berichtete auch von Ausrastern und
körperlichen Übergriffen des Angeklagten. Eines Tages habe
er im Streit zu ihr gesagt, er werde alle deutschen Frauen mit HIV
anstecken, „weil er es von einer deutschen Frau bekommen hat“.
Auch eine heute 23-Jährige, die im Verlauf einer vierjährigen
Liebschaft eine Tochter von dem Discjockey bekam und eine weitere
Schwangerschaft abgebrochen hat, will einen ähnlichen Ausspruch
von ihm gehört haben. Dass auch sie weiter ohne Kondom mit dem
Angeklagten schlief, obwohl sie im Verlauf der Beziehung von seiner
Krankheit erfuhr, quittierte der Vorsitzende Richter mit fassungslosem Kopfschütteln: „Meine Güte, da
spielen junge Mädchen mit ihrem Leben.“




Die Verteidigung geht davon aus, dass einige der Opfer ihre Aussagen
abgesprochen haben, um sich an dem Angeklagten zu rächen.
Zumindest die 23-Jährige ließ sich bei einer Falschaussage
erwischen: In einem Interview mit dem Team von RTL hatte sie kurz
zuvor noch gesagt, sie hasse den Angeklagten immer noch. Der 38-Jährige
sei ihr „egal“, betonte sie dann im Zeugenstand. „Eine klassische
Falschaussage. Und was stimmt noch alles nicht?“ fragte der Verteidiger.
Der Prozess wird heute fortgesetzt.

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Patrick Wötzel

Gerichtsberichterstatter, Lokaljournalist, Sportreporter - Revier: Würzburg

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