Rettet den Transpirator von Köln - Schweißgeruch und Kündigungsgründe in der Probezeit

So manches Mal ist man geradezu verpflichtet, ein Thema wieder aufzugreifen, das früher hier schon einmal erwähnt wurde. Erinnert sich jemand an die schier unglaubliche Meldung aus dem Januar, dass in Köln ein Architekt gefeuert wurde, weil er angeblich nach Schweiß stank (Unser Beitrag)?

Gestern hat das Arbeitsgericht Köln die Kündigung bestätigt.

Das schöne an dem Fall war ja, dass die Kündigung während der Probezeit geschah, weshalb es sehr eigenartig ist, dass der Arbeitgeber sich mit dem vorgeblichen Schweißgeruch eine solche Blöße gab - er hätte keine Begründung benötigt.

Der Arbeitnehmer fand, die Begründung verletzte seine Menschenwürde und sei daher nichtig (er bestreitet allerdings auch, übel gerochen zu haben). Und verlor den Prozess, erstinstanzlich jedenfalls.

Der Grund liegt darin, dass ohne Anwendung des Kündigungsschutzgesetzes eine Kündigung nur zu beseitigen ist, wenn sie sittenwidrig (§ 138 BGB) ist oder gegen Treu und Glauben (§ 242 BGB) verstößt und deshalb nichtig ist (von Kündigungsverboten, wie bei Schwangereren, sehen wir mal ab). Das Arbeitsgericht Köln fand, diese Schwelle sei noch nicht erreicht, wenn man in der Kündigung den angeblichen Schweißgeruch rüge.

Wie hoch die Schwelle ist, eine Kündigung als sittenwidrig anzusehen, kann man abstrakt herleiten: Das das KSchG nicht gilt, ist es zwingend, dass nicht schon jeder nach dem KSchG nicht verwertbare Grund auch zur Sittenwidrigkeit führt - sonst hätte man das KSchG ja gewissermaßen durch die Hintertüre auch in den Bereich ausgedehnt, in dem es keine Geltung beansprucht.

Konkreter ist z.B. die BAG-Entscheidung, in der ein HIV-Infizierter gekündigt wurde (Urteil vom 16.02.1989 - 2 AZR 347/88) - und zwar angeblich wegen der Infektion. Das allein, fand das BAG, rechtfertige noch nicht das Verdikt der Sittenwidrigkeit. Allerdings unterschied sich der Fall von unserem angeblichen Transpirator erheblich: Der Arbeitgeber hatte die Kündigung eben nicht mit der HIV-Infektion begründet, es gab nur Indizien, die darauf hindeuteten. Außerdem war der Arbeitnehmer monatelang krank gewesen. Wenn solche Faktoren auch eine Role spielen (man nennt das dann “Motivbündel”), dann reicht ein unlaueters Motiv icht aus, um die ganze Kündigung zu kippen.

Die Kündigung, so das BAG weite, muss eben gegen das “Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden” verstoßen (das hat nichts mit dem Preis zu tun und ist die traditionelle Definition der Sittenwidrigkeit). Aber wann das der Fall ist, bestimmt ein Gericht. Auch die fristlose Kündigung eines Mitarbeiters der mormonischen Kirche, weil er Ehebruch begangen hatte, ist deshalb nach Auffassung des BAG nicht sittenwidrig (BAG, Urteil vom 24.04.1997 - 2 AZR 268/96). Hier stoßen wir aber an das Problem der Anerkennung eines Sonderarbeitsrechts für Religionsgemeinschaften (unser jüngster Beitrag mit Kommentaren); bei einer Spont…

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches

Themen: Kündigung , Köln , Bgb , Architekt , Hiv , Sittenwidrig , § 242 Bgb , § 138 Bgb , Alltag IM Arbeitsrecht
Rechtsgebiet: Urheberrecht

Erschienen 26. März 2010 auf http://www.reuter-arbeitsrecht.de.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Bei einer unwirksamen Kündigung des Vermieters muss dieser dem Mieter den Schaden ersetzen

www.rechtsklarheit.de | 11. November 2009 — Der Vermieter begeht eine schuldhafte Vertragsverletzung, wenn er dem Mieter kündigt und er hätte erkennen können,…

Bindungswirkung einer tats??chlichen Verst??ndigung

Rechtslupe | 10. Dezember 2008 — Eine tats??chliche Verst??ndigung im Steuerfestsetzungsverfahren ist nicht schon deshalb unwirksam, weil sie zu einer von einem…

Arbeitsgericht Berlin 5.8.2011: Kündigung während der Probezeit aufgrund von HIV Infektion wirksam

Arbeitsrecht & Mediation Berlin | 9. August 2011 — 1. Eine Kündigung in der Probezeit kann nicht auf ihre sachliche Rechtfertigung hin überprüft werden, weil der Arbeitnehmer noc…

Wann ist eine Kündigung sittenwidrig?

Rechtsanwalt Arbeitsrecht Berlin Blog | 15. Mai 2009 — Wann ist eine Kündigung sittenwidrig? Zunächst muss darauf hingewiesen werden, dass in der Praxis die sittenwidrige Kündi…

LAG Berlin bestätigt Probezeit-Kündigung eines Arbeitnehmers mit HIV-Infektion

Magazin Arbeitsrecht | 30. Januar 2012 — Das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg hatte über eine Kündigungsschutzklage eines Arbeitnehmers mit HIV-Infektion zu ents…

die sittenwidrige Arbeitnehmerkündigung – Beispiele

Rechtsanwalt Arbeitsrecht Berlin Blog | 17. Juni 2010 — die sittenwidrige Arbeitnehmerkündigung – Beispiele Man hört immer wieder, dass Arbeitnehmer meinen, dass ihre Kündigung sitt…

Kündigung im Kleinbetrieb: Verstoß gegen das Maßregelungsverbot (§ 612a BGB)

Kanzlei Kluge | 13. Januar 2011 — Das Arbeitsgericht Hamburg hatte über die Wirksamkeit einer Kündigung in einem sogenannten Kleinbetrieb (weniger als 10 Arbei…

Kündigung eines HIV-Infizierten keine Diskriminierung

beck-blog | 15. August 2011 — Die Kündigung eines HIV-Infizierten in der Probezeit diskriminiert diesen nicht wegen einer Behinderung (§§ 1, 7 AGG). Sie ist …

Kschg: § 1 a KSchG - Abweichend hohe Abfindung nur bei klarer Ankündigung im Kündigungsschreiben

andreas-buschmann.net | 17. Dezember 2007 — Darf der Arbeitgeber im Kündigungsschreiben die Abfindung nach § 1 a KSchG unterschreiten und dem Arbeitnehmer, für den Fall da…

Kschg §1: § 1 a KSchG - Abweichend hohe Abfindung nur bei klarer Ankündigung im Kündigungsschreiben

andreas-buschmann.net | 17. Dezember 2007 — Darf der Arbeitgeber im Kündigungsschreiben die Abfindung nach § 1 a KSchG unterschreiten und dem Arbeitnehmer, für den Fall da…