Arzneimittelausgaben 2008: Arzneimittel-Ausgaben stiegen 2008 um mehr als fünf Prozent
Reuters | 17. September 2009 — Berlin (Reuters) - Die Arzneimittel-Kosten steigen weiter schneller als alle anderen Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicher…
Berlin (Reuters) - Die Pharma-Industrie schröpft das deutsche Gesundheitssystem dem neuen Arzneimittel-Report zufolge mit stark überhöhten Medikamenten-Preisen.
Die Präparate seien in Deutschland 50 bis 100 Prozent teuerer als in den Nachbarländern, kritisierten die Herausgeber des Arzneimittel-Reports bei dessen Vorstellung am Dienstag in Berlin. Patentgeschützte Medikamente kosteten im Schnitt 50 Prozent mehr als etwa in Schweden. Für Nachahmerprodukte, die sogenannten Generika, müssten die Kassen sogar doppelt so viel bezahlen wie in Schweden. Dies belege ein Vergleich der Preise für die 50 umsatzstärksten Arzneimittel in beiden Bereichen.
Bei gleichen Preisen hätten die gesetzlichen Krankenkassen 2009 in Deutschland 9,4 Milliarden Euro weniger für Medikamente ausgeben müssen, heißt es in dem Report der beiden Herausgeber Professor Ulrich Schwabe und Dieter Paffrath. Dies sei ein Drittel der gesamten Arzneimittel-Kosten. Ein Grund für die hohen Preise ausgerechnet in Deutschland als größtem Arzneimittelmarkt Europas sei, dass fast alle anderen EU-Staaten die Preise regulierten. Neben Deutschland ließen nur Dänemark und Malta den Pharma-Unternehmen die Freiheit, die Preise für patentgeschützte Arzneimittel selbst festzulegen.
Die Pharma-Branche habe allerdings auch unabhängig von den Einnahmen in Deutschland ein Interesse daran, die Preise hier hoch zu halten. Denn in vielen EU-Staaten würden die Preise für Medikamente über einen internationalen Vergleich festgelegt. Hohe Preise in Deutschland trieben damit auch die regulierten Preise in anderen europäischen Staaten in die Höhe.
Insgesamt stiegen die Arzneimittel-Ausgaben in Deutschland 2009 dem Report zufolge um 4,8 Prozent auf 32,4 Milliarden Euro. Im Vorjahr hatten die Kosten noch um 5,3 Prozent zugelegt. Die anderen großen Kostenblöcke der gesetzlichen Krankenversicherung wuchsen 2009 noch stärker als die Arzneimittel-Ausgaben: Die Krankenhauskosten stiegen um 6,8 Prozent auf 56,4 Milliarden Euro, die ärztliche Behandlung um sieben Prozent auf 30,6 Milliarden Euro.
Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warf Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler vor, Klientelpolitik zu betreiben und sich von der Pharma-Lobby steuern zu lassen. Die Politik der Bundesregierung laufe darauf hinaus, dass die Arzneimittel-Preise weiter stiegen und nicht fielen, sagte er in der Bundestagsdebatte über den Gesundheitshaushalt. Die Linkspartei forderte eine wirksame Begrenzung der Arzneimittel-Ausgaben. "Der Selbstbedienungsladen für Pharma-Konzerne muss geschlossen werden", erklärte die Gesundheitsexpertin Kathrin Vogler.
Rösler verbat sich indes Kritik von SPD und Grünen, da beide Parteien in ihrer Regierungszeit nichts unternommen hätten, um die Medikamentenpreise in den Griff zu bekommen. Seine Politik sei dagegen so erfolgreich, dass auch die privaten Kassen nun die gleichen Instrumente wie ihre gesetzliche Konkurrenz forderten, um die Preise zu drücken, sagte der FDP-Politiker.
Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums verwies darauf, dass die Regierung bereits vor einigen Monaten den Zwangsrabatt zulasten der Hersteller patentgeschützter Medikamente von sechs auf 16 Prozent erhöht habe. Zudem solle zum Jahreswechsel mit dem Arzneimittelneuordnungsgesetz erstmals das Preismonopol der Produzenten patentgeschützter Arzneimittel gebrochen und sie zu Vertragsverhandlungen mit den Krankenkassen gezwungen werden. Die Hersteller von Generika bleiben davon allerdings unberührt.
Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie verteidigte die Ausgabensteigerungen, die den Rahmenvereinbarungen mit den Krankenkassen entsprächen und auch in einer besseren Leistung begründet seien. So hätten HIV-Patienten heute eine 15 Jahre höhere Lebenserwartung als Mitte der 90er Jahre.
Erschienen 14. September 2010 bei http://www.reuters.com.
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