Regierung will Fettleibigkeit bekämpfen
(Reuters) - Die Bundesregierung sagt der
zunehmenden Fettleibigkeit der Deutschen den Kampf an.
Das Bundeskabinett verabschiedete am Mittwoch einen Nationalen Aktionsplan, der zu einer gesünderen Ernährung und mehr Bewegung
anleiten soll. Das 50-seitige Strategiepapier des Gesundheits- und des Verbraucherschutzministeriums mit dem Titel "In Form" listet
Kampagnen und Aktivitäten auf, um Übergewicht und ernährungsbedingte Krankheiten bis 2020 sichtbar zu reduzieren. In den nächsten
drei Jahren stellen beide Ressorts dafür zusammen 30 Millionen Euro zur Verfügung. Die Opposition kritisierte den Plan als
unzureichende Absichtserklärung.
In Deutschland gelten 66 Prozent der Männer und 51 Prozent der Frauen sowie 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen als
übergewichtig oder fettleibig. Nach Angaben der Regierung stehen 70 Milliarden Euro der jährlichen Gesundheitsausgaben im
Zusammenhang mit falscher Ernährung und Bewegungsmangel.
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sprach sich dafür aus, die bestehenden Angebote besser zu vernetzen. Vor allem Kindern und
Jugendlichen müsse in Kitas und Schulen ein gesundes Essverhalten und Freude an körperlicher Betätigung vermittelt werden. So sollten
Schulprogramme gefördert werden, die tägliche Bewegung auf dem Stundenplan hätten. Auch in der Ausbildung von Erziehern, Alten- und
Krankenpflegern müsse die Vermittlung von Wissen über Ernährung und Bewegung eine Rolle spielen.
Ernährungsminister Horst Seehofer sagte, der Regierung gehe es nicht um Reglementierung, Verbote oder Diskriminierung. Lebensstile
könnten "nicht mit der Keule des Gesetzes" verändert werden. Die Regierung wolle aber Hilfe zu einer besseren Lebensführung geben.
Angestrebt wird auch ein Verhaltenskodex mit der Süßwarenindustrie, damit diese freiwillig auf Werbung für Kinder unter zwölf Jahren
verzichtet. Mit der Computerwirtschaft soll über die Entwicklung bewegungsfördernder Computerspiele gesprochen werden. Zudem wird im
Rahmen der laufenden Initiative gegen Essstörungen und Magersucht eine Selbstverpflichtung der Modebranche angestrebt, damit diese
auf den Einsatz zu dünner Models verzichtet.
Grünen-Ernährungsexpertin Ulrike Höfken sprach von einem "Alibi-Aktionsplan", der lange bekannte Ziele zusammenfasse. Es handele sich
um ein "Sammelsurium von bürokratischen Aktivitäten ohne konkretes Handeln". Die Linken-Politikerin Karin Binder monierte, der Plan
setze ausschließlich auf die Eigenverantwortung der Verbraucher; an die Verantwortung des Staates und der Industrie werde dagegen
"höflich und unverbindlich appelliert". Gesunde Ernährung sei zudem eine Frage des Einkommens und für Menschen mit Niedriglohn oder
Hartz IV kaum zu bezahlen. Der FDP-Politiker Hans-Michael Goldmann sprach von einem "Dokument der Handlungsunfähigkeit".
Quelle:
Reuters (25. Juni 2008)