Raumspray detoniert - 20.000 EUR Schmerzensgeld und die Frage: Wie wird man im Arbeitsverhältnis richtig krank?

Wir setzen uns dem Vorwurf des milden Zynismus aus, aber die Meldung von Focus Online, derzufolge das Arbeitsgericht Oberhausen einem Arbeitnehmer 20.000 EUR Schmerzensgeld zusprach, weil dessen Kollege wiederum - nun, lassen wir die Meldung unten mal für sich selbst sprechen - hat wieder die Frage der Arbeitsunfähigkeit auf den Tisch gesprengt:

“Weil er [der beklagte Kollege] durch die freigiebige Verwendung von Raumspray eine Explosion auf der Betriebstoilette ausgelöst hat, muss ein Arbeitnehmer aus dem Ruhrgebiet einem Kollegen 20 000 Euro Schmerzensgeld zahlen.”

Wir wussten schon immer, dass Raumspray gefährlich ist. Bei 20.000 EUR Schmerzensgeld muss schon einiges passiert sein, der Betroffene war sicher einige Zeit arbeitsunfähig. Und damit verknüpfen sich immer wieder Missverständnisse. Wie ist man eigentlich richtig krank (wurden wir tatsächlich gefragt)? Es gibt da ein paar grundlegende Missverständnisse:

Wer bei einer Raumsprayexplosion verletzt wird und ggf. im Krankenhaus liegt, muss sich wenigstens insoweit keine Sorgen machen, er ist natürlich “krank”. Arbeitsrechtlich bedeutsam ist Krankheit in zweierlei Hinsicht. Wer “arbeitsunfähig” ist, hat seine Verpflichtung zur Arbeitsleistung nicht zu erfüllen; bleibt er der Arbeit fern, verletzt er also seinen Vertrag auch nicht. Man kann ihn deshalb allein weder abmahnen noch kündigen (wer sehr oft oder sehr lange krank ist, ist vor Kündigung nicht gefeit). Zweitens behält er sechs Wochen lang einen Entgeltanspruch gegen den Arbeitgeber. Das ist ein ziemlich langer Zeitraum, der unter bestimmten Voraussetzungen auch mehrfach im Jahr ausgeschöpft werden kann. Wegen der Kosten bleiben Konflikte insbesondere in kleineren Betrieben nicht aus.

Es geht schon dem Wortlaut des Gesetzes (gemeint ist das sog. Entgeltfortzahlungsgesetz - EFZG) nach aber eigentlich nicht um “Krankheit”, sondern um “Arbeitsunfähigkeit”. Das hat durchaus in der einen oder anderen Schattierung eine unterschiedliche Bedeutung. Zur Verdeutlichung bedient man sich oft des fiktiven Montblanc-Falls. Der Arbeitnehmer ist seit Wochen nicht da und “krankgeschrieben” (wir wissen: “arbeitsunfähig” geschrieben wäre richtiger). Bei einer Dose Bier sitzt sein ohnehin deshalb verstimmter Chef des Abends vor dem TV und sieht die Nachrichten. Seine Finger krallen sich um die Dose: Spannend wie in einem Krimi wird über die erfolgreiche Rettung zweier Extrembergsteiger berichtet, die am Montblanc-Massiv eingeschlossen worden sind, als ein Schneesturm sie überraschte. Die Glücklichen winken von der Sanitätsbare den Kameras zu, und - hier entgleitet Chef die Bierdose - einer der Jungs ist sein kranker Mitarbeiter. Den feuert er noch am selben Abend fristlos. Allerdings verliert er den sich anschließenden Arbeitsgerichtsprozess: Der von der Schweigepflicht entbundene Azt bestätigt nämlich, dass der Mann an psychischen Problemen litt, die er nur durch eine …

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches

Themen: Schmerzensgeld , Kollegen , Krankheit , Explosion , Arbeitnehmer , Ruhrgebiet , Oberhausen , Arbeitsunfähigkeit , Alltag IM Arbeitsrecht , Arbeitsgericht Oberhausen Raumspray

Erschienen 21. Februar 2010 auf http://www.reuter-arbeitsrecht.de.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren
Auch zu Arbeitsgericht Oberhausen Raumspray:

Was tun bei Krankheit?

Arbeitnehmeranwalt Stühler-Walters | 24. Mai 2011 — Sorry - aber nach dem Beitrag zur NPD gestern lag einer zu Krankheit eigentlich nahe Was also ist als Arbeitnehmer zu tun be…

Was tun bei Erkrankung?

Conle§i | 24. Mai 2011 — Was also ist als Arbeitnehmer zu tun bei Erkrankung? Blöde Frage eigentlich; wer krank ist, braucht keinen Anwalt, sondern eine…

Arbeitsrecht Lohnfortzahlung: Arbeitsrecht: Bei der Lohnfortzahlung kippt die ärztliche Schweigepflicht

Recht und Alltag | 15. Dezember 2005 — Wird ein Patient in kurzen Abständen mehrfach aus verschiedenen Gründen krank, so muss er seinen Arzt von der Schweigepflicht en…

Krank im Urlaub?

Anwalt Arbeitsrecht Berlin - Blog | 20. Juli 2010 — Bei einer Krankheit während des Urlaubs wird der gesetzliche Urlaubsanspruch grundsätzlich nicht aufgebraucht, vergleiche § 9 B…

Welchen Beweiswert hat eine ausländische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (Krankenschein)?

Rechtsanwalt Arbeitsrecht Berlin Blog | 30. Oktober 2010 — Welchen Beweiswert hat eine ausländische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (Krankenschein)? Wenn der Arbeitnehmer krank ist, m…

Das Gefälligkeitsattest: ein Kündigungsgrund?

Rechthaber | 11. Dezember 2008 — Ein Arbeitnehmer wird öfter zu eigenartig “passenden” Gelegenheiten krank: an Brückentagen, an Tagen, für die ein anstrengendes…

Kann man während einer Krankheit gekündigt werden?

Rechtsanwalt Arbeitsrecht Berlin Blog | 30. Mai 2009 — Darf man während einer Erkrankung vom Arbeitsgeber gekündigt werden? Eines der hartnäckigsten “Gerüchte der Arbeitnehmerw…

Dienstwagen – des deutschen liebstes Kind und das BAG

CMS Hasche Sigle | 14. Dezember 2010 — Wenn ein Mitarbeiter länger als sechs Wochen krank ist und kein Geld mehr bekommt, kann sein Arbeitgeber auch den (privat genut…

Krise und Krankheit: K(l)eine Zusammenhänge

Betriebsrat Blog | 26. April 2010 — In wirtschaftlich schlechten Zeiten wird immer wieder darüber berichtet, dass Arbeitnehmer weniger oft krank sind, also seltene…

Krankheit und Recht

Handakte WebLAWg | 25. März 2009 — Das letzte Mal war der Sohn der Sommers Anfang Februar krank. Sechs Tage lag das Kind mit einer Grippe im Bett - zeitweise mit …