Alptraum Examensklausuren
BERLIN BLAWG | 25. Juni 2010 — Es galt eine Aufgabe aus dem öffentlichen Recht, einen steuerrechtlichen Fall zu lösen. Irgendeine entscheidende Vorschrift aus…
Im Blog des geschätzten Kollegen Andreas Jede bin ich auf der Werk Das Lob der Richter von Calamandrei aufmerksam geworden. Noch am gleichen Tag habe ich mir das Buch bestellt, weil mir leider keine anonyme Sachspende zu teil wurde.
Ich habe es nicht bereut und bereits die Hälfte des Buches gelesen. Calamandrei schreibt frei und seine oft in blumigen Metaphern gekleideten Worte führen den Leser dahin, wo sie hingehören. Noch interessanter als die Sprache ist hingegen der Inhalt des Buches, das vor Anekdoten aus dem Juristenalltag betrachtet mit den scharfsinnigen Augen eines Rechtsanwalts nur so strotzt. Besonders beeindruckt hat mich die nachfolgende Passage, gleich zu Beginn des Buches:
Nach dem Tod eines alten Anwalts bemerkten seine Erben, dass das Holzpodest, auf dem ein halbes Jahrhundert lang sein Sessel gestanden hatte, hohl und mit einem Geheimfach ausgestattet war; sie brachen dieses auf und fanden eine Menge privater Papiere, Liebesbriefe, Testamente, kompromittierende Schriftstücke und alte, obszöne Photographien.
Vor allem aber erregte ihre Aufmerksamkeit ein vergilbtes Merkbuch, dass mit einem alphabetischen Verzeichnis aller Richter der Stadt begann, die der Schreiber nach Ämtern aufgeteilt und je mit einer Zahl versehen hatte, die auf eine Seite des Buches verwies.
Jede Seite war eine Art biografischer Merkzettel: Vor- und Zuname, Vatersname, Wohnung des betreffenden Richters; das gleiche für Gattin und Kinder. Es folgten sehr genaue und ins einzelne gehende Notizen: die Adresse des Friseurs und des Schneiders, die Schneiderin der Ehehälfte; Vor- und Zuname des Dienstmädchens; die Schulen, welche die Kinder besuchten, und die Namen der Professoren. Bemerkungen darüber, ob er einer Partei angehörte, ob er zur Messe gehen (und in diesem Fall der Name seines Leichtvaters); ob er einen Klub oder ein Café frequentierte; ob er an einer Krankheit (und hier der Name seines Arztes); ob er sich für Schach oder Fußball interessierte; welche Zeitungen er las, welche Bücher er kaufte; wohin er im Sommerfrische ging; wer seine Freunde und Landsleute waren; ob er einen Bruder hatte, der Abgeordneter, oder einen Vetter, der Bischof war.
Eine äußerst gewissenhafte Arbeit, die der alte Anwalt, wie man aus den verschiedenen Tinten der zahlreichen Nachträge sah, bis zum letzten Tag berichtigt und erneuert hatte. Auf dem Umschla…
» Vollständiger ArtikelErschienen 14. März 2010 auf http://sewoma.de/berlinblawg.
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