Neue Plagiatsvorwürfe - Guttenberg lehnt Rücktritt ab
Reuters | 19. Februar 2011 — Berlin (Reuters) - Die Plagiatsvorwürfe gegen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg reißen nicht ab. In seiner Dok…
Berlin (Reuters) - Die Plagiatsvorwürfe gegen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg reißen nicht ab.
Trotzdem will eine breite Mehrheit der Bürger den beliebten CSU-Politiker im Amt halten. Guttenberg lehnte einen Rücktritt am Wochenende als "Unsinn" ab. Dem "Spiegel" zufolge hat er sich für seine Doktorarbeit auch beim Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages bedient. Außerdem soll er aus der Hausarbeit eines Studienanfängers an der FU Berlin abgekupfert haben. SPD und Grüne forderten eine umfassende Aufklärung, auch im Interesse der Bundeswehr. Die Union mahnte zu einer besonnenen Debatte.
Guttenberg antwortete dem "Focus" auf die Frage, ob er an einen Rücktritt gedacht habe: "Unsinn!" Es obliege ihm nicht zu beurteilen, was der Vorgang für seine Glaubwürdigkeit und Autorität bedeute: "Aber beidem gerecht zu werden, bleibt mein Anspruch." Am Freitag hatte Guttenberg Fehler in seiner Dissertation eingeräumt. Bis zur Klärung der Vorwürfe durch die Uni Bayreuth will er seien Doktortitel nicht führen. Zugleich hatte er aber unterstrichen, nicht bewusst getäuscht zu haben.
Für fast drei Viertel der Deutschen sind die Zweifel an der wissenschaftlichen Redlichkeit des Ministers kein Grund für einen Rücktritt. In einer Extraausgabe des ARD DeutschlandTrends verneinten 74 Prozent die Frage, ob er sein Amt aufgeben sollte. Für 22 Prozent der repräsentativ Befragten ist das Maß dagegen voll. In einer Emnid-Umfrage sprachen sich 68 Prozent für einen Verbleib Guttenbergs aus, 27 Prozent forderten seinen Rücktritt.
Der "Süddeutschen Zeitung" zufolge hat Guttenberg mindestens 19 Autoren in seiner Dissertation unkorrekt zitiert. Mindestens 50 Seiten seiner 400 Textseiten umfassenden Arbeit enthielten Plagiate. Der "Spiegel" zählte 62 Teststellen. Plagiatejäger im Internet kommen auf 268 Seiten, erheben aber keinen Anspruch auf Richtigkeit. Am Dienstag hatte Guttenberg nur von vereinzelten Fußnoten gesprochen, die er gerne bereit sei zu überprüfen.
Die "Berliner Zeitung" berichtete, in der Doktorarbeit fänden sich auch Teile einer online verfügbaren Hausarbeit für einen Grundkurs am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin. Dabei handele es sich etwa um das zweiseitige Fazit des Studenten.
SPIEGEL: GUTTENBERG SPANNTE BUNDESTAGS-EXPERTEN EIN
Dem "Spiegel" zufolge nahm Guttenberg zudem die Expertise des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages in Anspruch. Auf die rund 60 Experten dürfen die Parlamentarier nur im Rahmen ihres Mandates zurückgreifen. Ein von Guttenberg in Auftrag gegebenes Gutachten sei fast vollständig in die Dissertation eingeflossen. In einer Fußnote werde auf die Ausarbeitung des Dienstes hingewiesen, nicht aber auf ihren Autor Ulrich Tammler.
"Es entsteht der Eindruck, dass Teile der Doktorarbeit von Ghostwritern der Bundestagsverwaltung geschrieben wurden", sagte der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann. Bundestagspräsident Norbert Lammert müsse den Vorgang schnell untersuchen. "Die Öffentlichkeit hat Anspruch darauf zu erfahren, ob der Wissenschaftliche Dienst zu Privatzwecken eingesetzt wurde und Guttenberg seine Promotion auf Kosten der Steuerzahler geschrieben hat", sagte Oppermann. Wenn dies der Fall wäre, hätte Guttenberg sein Abgeordnetenmandat missbraucht.
Unterstützung bekam Guttenberg vom CSU-Ehrenvorsitzenden Edmund Stoiber. "Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein", sagte er der "Bild-Zeitung". Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) sagte dem "Hamburger Abendblatt", der Minister sei "Überzeugend, glaubwürdig und integer". Sie mahne zu Augenmaß in der Debatte. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin kündigte an, der Bundestag werde kommende Woche über Guttenberg beraten. Die Öffentlichkeit habe ein Recht darauf zu erfahren, was das Ehrenwort des Oberkommandierenden der Streitkräfte wert sei: "Sie Glaubwürdigkeit ist schon jetzt massiv beschädigt."
Erschienen 20. Februar 2011 bei http://www.reuters.com.
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