Eltern verweigern die Aussage
Handakte WebLAWg | 5. Januar 2009 — Die Eltern von Morsal O., die wohl von ihrem eigenen Bruder ermordet wurde, haben im Prozess gegen ihren Sohn die Aussage ver…
Zur Vorgeschichte:
Morsal O. ist 3 Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihren Eltern und Geschwistern aus Afghanistan nach Deutschland kommt. Ihr Bruder Ahmad ist zu diesem Zeitpunkt bereits 10 Jahre alt. Der Vater, Ghulam-Mohammed O., Mitglied der kommunistischen Partei Afghanistans floh als Erster seiner Familie 1992 vor den Mudschahidin nach Deutschland und entschied sich für Hamburg als zukünftigen Wohnort. Hier lebten bereits zahlreiche Afghanen, hier konnte man einen Neuanfang riskieren.
Bislang von Beruf Kampfpilot wurde aus Ghulam-Mohammed O. in Deutschland zunächst ein Busfahrer später ein erfolgloser Händler für gebrauchte Autobusse, den die deutsche Kultur und die deutsche Sprache völlig überforderte.
3 Jahre später holte er seine 7köpfige Familie nach und arbeitete hart, um diese zu ernähren. Anerkennung und Respekt fand er nur zu Hause und in der afganischen Gemeinde. Frau und Kinder waren sein Stolz und sie durften keine Schande über die Familie bringen. Dies war seine Aufgabe und dies lehrte er seine Kinder - zumindest versuchte er es.
Morsal O.:
Mit 3 Jahren nach Deutschland eingewandert, kannte sie nur die westliche Kultur. Sie lernte in deutschen Schulen und spielte auf deutschen Spielplätzen auch mit deutschen Kindern. Die Entwicklung, die Morsal in ihren Kindheitsjahren durchmachte, bezeichnen die meisten Menschen als Integration - ihr Vater nannte es Schande. Sie sprach sehr gutes deutsch, erhielt in ihrer Schule ein “Streitschlichter-Zertifikat”, das sie als engagierte Unterstützerin beim Lösen von Konflikten auszeichnete, Morsal schminkte sich und trug enge Jeans - wie ihre Mitschülerinnen. Mit 14 begann sie zu realisieren, dass der Weg ihres Vaters offensichtlich nicht der ihrige war und begann ihm zu widersprechen. Was hiernach folgte, waren Schläge durch den Vater, den Bruder Ahmad und wohl auch durch die Mutter. Ahmad soll sie mit “Du kleidest Dich wie eine Schlampe”, die die Ehre der Familie verletze beschimpft haben.
Welche Ausmaße diese Körperverletzungen annahmen, können wir als Unbeteiligte nicht beurteilen. Wir ersparen uns an dieser Stelle deshalb auch die medienwirksamen Ausschmückungen. Klar scheint nur zu sein, dass Morsal O. aufgrund der Bedrohungen und Verletzungen ihres Bruders und Vaters diverse Male vom Kinder- und Jugend-Notdienst in Heimen untergebracht wurde. Jedesmal kehrte sie - vielleicht in der Hoffnung auf ein Einsehen innerhalb der Familie - zu dieser zurück.
Offensichtlich waren auch Strafanzeigen von Morsal gegen Vater und Bruder in der Welt, die sie im Nachhinein jedoch immer zurückzog, oder in der stattfindenden Hauptverhandlung von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machte.
Zerrissen zwischen der offensichtlichen Liebe zu ihrer Familie und ihrem ebenfalls offensichtlichen Wunsch nach Freiheit lässt sie sich von ihrer Familie im Frühling 2007 - angeblich zur Besinnung - für die Dauer von ca. 9 Monaten nach Afghanistan schicken.
Anfang 2008 kehrt Morsal zurück und die nachfolgenden Wochen kann man als “Ruhe vor dem Sturm” bezeichnen. Anfang April dann wird Morsal mit Zustimmung ihrer Eltern in einem Flensburger Heim untergebracht. Wiederum kehrt sie Ende April von sich aus nach Hause zurück. Doch Vater und Tochter wollen nicht zueinander finden.
In der Zeit vom 8. bis 11. Mai 2008 sieht man Morsal wieder nicht zu Hause. Erst dann kehrt sie wieder zurück und wird vom Vater mit Schlägen empfangen. Als sie weglaufen will, schlägt auch ihr 13jähriger Bruder auf sie ein und Morsal endet wieder beim Kinder- und Jugendnotdienst. Doch Morsal will nicht ins Heim. Im Moment will sie auch nicht zurück zu ihrer Familie. Sie kann bei einer Freundin unterkommen. Am 15. Mai 2008 - ihrem Todestag - trifft sie sich mit ihrem Cousin Mohammed bei Mc Donalds.
Ahmad O.:
Ahmad O., Morsal´s Bruder, mit 10 Jahren nach Deutschland eingewandert, versucht sich seinem Vater unterzuordnen. Er lebt das Leben seines Vaters, spricht schlecht deutsch, bricht die Schule früh ab und wird Autohändler. Er beginnt, seine Schwester Morsal aufgrund ihrer Anpassung an die deutsche Kultur zu kritisieren. Er soll Morsal bedroht und geschlagen haben. Die Absicht, Morsal zu töten, soll er bereits im Jahr 2006 erstmalig geäußert haben. Allerdings soll Morsal angeblich gegenüber dem Kinder- und Jugendnotdienst betont haben, dass sie zu Ahmad das beste Verhältnis innerhalb der Familie habe, obwohl er sie schlug. Auch soll sie aus Angst vor ihrem Vater manchmal bei Ahmad in der Wohnung übernachtet haben.
Vielleicht zerrissen von den mit ihm eins gewordenen Vorstellungen seines Vaters und der ihm vorgelebten “anderen Welt” soll er bereits früh in die Kriminalität abgerutscht sein. Es gab mehrere Verurteilungen wegen gefährlicher Körperverletzung u.a. Seine erste, nicht bewährungsfähige Haftstrafe sollte er Anfang Mai 2008 für die Dauer von einem Jahr und fünf Monaten antreten. Sein Verteidiger beantragte Strafaufschub, der am 15. Mai 2008 - Morsal´s Todestag - abgelehnt wurde.
Die Tat:
Morsal - sie ist jetzt 16 Jahre jung - trifft sich am 15. Mai 2008 mit ihrem Cousin Mohammed bei Mc Donald. Man isst gemeinsam etwas und geht dann zum Berliner Tor. Offensichtlich hat Morsal Vertrauen zu Mohammed. Auf einem kleinen Parkplatz sitzen die beiden, rauchen und reden - bis Ahmad auftaucht. Angeblich ohne ein Wort sticht er mehrfach auf Morsal ein. Auch Mohammed kann ihn nicht zurückhalten. Morsal versucht zu fliehen, doch Ahmad ist schneller und sticht wiederum mehrfach zu. Insgesamt wohl mehr als 20mal. Von Morsal´s Schreien aufgeweckt, rufen Anwohner die Polizei. Ahmad flieht; Mohammed flieht auch, meldet sich aber kurz darauf bei der Polizei und schildert das Geschehen. Am Mittag des 16. Mai 2008 wird Ahmad in seiner Wohnung verhaftet. Seine angebliche Rechtfertigung seiner Tat: “Sie hat sich von der Familie abgewandt!”
Die vorstehenden Informationen basieren auf Berichten aus dem Spiegel, Nr. 22 vom 26. Mai 2008, S. 62 ff., “Eigentum des Mannes”; Hamburger Morgenpost, www.mopo.de, 20. Mai 2008, ”Vor dem Mord verprügelte sie der Vater”; www.focus.de, 16. Mai 2008, “16jähriges Mädchen vermutlich vom eigenen Bruder erstochen”; www.welt.de, 29. Mai 2008, “Ahmad O. war als Intensivtäter polizeibekannt”; www.welt.de, 16. Mai 2008, “Ehrenmord an junger Deutsch-Afghanin aufgeklärt”; www.spiegel.de, 29. Mai 2008, “Das lange Leiden der Morsal Obeidi”.
Medienberichte sind kritisch zu würdigen (vgl. auch “Kein Schutz nirgends - eine gelungene Marketingstrategie“). Ob es sich vorliegend um einen Ehrenmord handelt und wie die Familiensituation sich tatsächlich darstellte, wird der demnächst stattfindende Strafprozess gegen Ahmad O. vielleicht ans Licht bringen.
Nachruf:
Den Song für Morsal “Morsal - R.I.P.” von Jeybee aus Hamburg finden Sie hier: http://www.youtube.com/watch?v=OjYhomWL1wc&feature=related
Eine Freundin erinnert hier unter http://www.youtube.com/watch?v=p-bc4PY7Ubo&feature=related sowie unter http://www.youtube.com/watch?v=ao4lLwqCcFo&feature=related an Morsal.
Brigitte Renner
Erschienen 2. Juni 2008 auf http://www.strafblog.de.
Handakte WebLAWg | 5. Januar 2009 — Die Eltern von Morsal O., die wohl von ihrem eigenen Bruder ermordet wurde, haben im Prozess gegen ihren Sohn die Aussage ver…
Handakte WebLAWg | 9. Januar 2009 — Im Hamburger Prozess um den sogenannten “Ehrenmord” an der 16 Jahre alten Deutsch-Afghanin Morsal O. hat das Gericht den von …
Handakte WebLAWg | 16. Dezember 2008 — Der Täter stach 23 Mal auf das Mädchen ein. In den Rücken, in den Nacken, in den Oberkörper. Die 16-jährige Morsal O. hatte kei…
Handakte WebLAWg | 29. Dezember 2008 — Eigentlich wollte RA Thomas Bliwier Lehrer werden. Nachdem er selbst einst schlechte Erfahrungen mit der Strafjustiz machte, …
Handakte WebLAWg | 30. Januar 2009 — Willkürlich und “aus dem Bauch heraus”: In dem Prozess um die Ermordung von Morsal O. hat die Staatsanwaltschaft die Arbeit ein…
beck-blog | 19. Februar 2009 — Der Mörder der 16 Jahre alten Deutsch-Afghanin Morsal bleibt auch nach seiner Verurteilung im Visier der Hamburger Staatsanwa…
Menschenrechte | 31. Mai 2005 — amnesty internation ruft zu dem folgenden Appelfall auf Vor fast genau fünf Jahren wurden der damals 71-jährige Karim Ahmad Mahmo…
Strafprozesse und andere Ungereimtheiten | 23. Oktober 2006 — In Istanbul ist eine junge Türkin von ihrem Bruder ermordet worden. Sie war nach einer Vergewaltigung schwanger geworden.…
schreibmaschine | 8. Juli 2009 — Im Prozess um einen toten Säugling vor dem Würzburger Landgericht hat die Familie der Angeklagten sich entschieden, nicht zur…
Mord ist mein Beruf | 29. Oktober 2008 — Nachdem kürzlich zwei Männer der Osmani - Familie vom Landgericht Hamburg erstinztanzlich verurteilt wurden, stehen nun zwei weite…