Mit Brillenhämatomen aus dem Polizeigewahrsam
am 13.04.2007 von http://www.strafblog.de
Übel zugerichtet sah ein junger Mann aus, der mich heute Mittag mit seinem Vater, einem Professor und psychologischen Psychotherapeuten, der sich unter anderem intensiv mit Konfliktbewältigung befasst, in meiner Kanzlei aufsuchte. Violett-bunt umrandete Augen - ein Brillenhämatom im augenscheinlichen Sinne des Wortes - weitere Schwellungen und Blutergüsse im Gesicht und am Kopf, am Oberkörper und den Armen, Taubheitsgefühle in den Händen, da kommt schon ganz schön was zusammen. Vermutlich keine knöchernen Verletzungen, hat eine Krankenhausuntersuchung ergeben, aber das muss noch genau abgeklärt werden.
Was ist passiert? Nun, nach einer Auseinandersetzung in einer Altstadtkneipe mit mehreren Personen, vermutlich Polen, die ihn - vielleicht wegen seiner Rasta-Locken und seines ziemlich alternativen Äußeren - angegriffen hatten, hatte der Kunststudent sich nach eigener Schilderung hilfesuchend an den Türsteher der Kneipe und dann an die hinzukommende Polizei gewandt. Die wiederum habe ihn dann jedoch aufgefordert “zu pusten”, wollte also eine Atemalkoholkontrolle durchführen. Zuvor hätten seine Kontrahenten gegenüber den Polizisten den Spieß umgedreht und behauptet, er habe die Auseinandersetzung begonnen. Weil die Atemalkoholkontrolle nicht so funktionierte, wie die Polizeibeamten sich dies wünschten, hätten sie ihn mit zur Wache genommen. Dort sei er dann von einem Gewahrsamsbeamten beleidigt und geschlagen und schließlich in eine Gewahrsamszelle gebracht worden, wo er dann von mehreren Polizisten auf eine am Boden liegende Mattte gedrückt und an Händen und Füßen mittels Fesseln an den Wänden fixiert worden sei. Mehrere Beamte hätten seinen Oberkörper dann in eine halbaufrechte Postion gehievt und dann sei er von wenigsten zwei Polizisten mit Faustschlägen ins Gesicht und auf den gesamten Kopf, auf die Rippen und die Arme traktiert worden. Seine Hände seien derart fest gefesselt gewesen, dass er seine Hände nach kurzer Zeit nicht mehr spüren konnte. Nachdem die Beamten von ihm abgelassen hatten, habe er diese gebeten, die Fesseln zu lockern und ihn zur Toilette gehen zu lassen. Die hätten jedoch einfach die Zelle verlassen und ihn noch 4 Stunden dort liegen lassen.
Albtraumhaft. Der erfahrene Strafverteidiger weiß natürlich, wie problematisch die Beweislage ist. Eine Aussage gegen ein halbes Dutzend Berufszeugen. Die werden - unterstellt man die Behauptungen des Mandanten als zutreffend - schon längst nach dem Motto “Haltet den Dieb” Widerstandsanzeige erstattet und abgestimmte dienstliche Äußerungen abgegeben haben. Natürlich werden sie vortragen, von dem jungen Mann angegriffen worden zu sein, so dass sie unmittelbaren Zwang anwenden mussten, um ihn ruhig zu stellen. Und natürlich wird der eine oder andere von ihnen Blessuren vorweisen können, die ihm von dem renitenten Festgenommenen zugefügt wurden. Das ist fast immer so.
Die Verletzungen des Mandanten sprechen allerdings nach meiner prima-facie-Beurteilung eine andere Sprache. Es ist für mich schlechterdings nicht vorstellbar , dass ein halbes Dutzend ausgebildeter Polizeibeamter einen schmächtigen 23-Jährigen nicht mit anderen Mitteln als mit stumpfer Gewalteinwirkung ins Gesicht und auf den Kopf unter Kontrolle bekommen könnte, wenn sie tatsächlich von diesem angegriffen worden wären. Und es ist auch nur schwer vorstellbar, dass ein schmächtiger junger Mann ein halbes Dutzend Polizeibeamte im Polizeigewahrsam angreift, obwohl er wissen muss, dass er keinerlei Chancen hat. Sein Sohn sei zur friedlichen Konfliktbewältigung erzogen worden, sagte mir sein Vater, und der weiß von Berufs wegen, was das heißt.
Wir haben uns trotz der schwierigen Beweislage dazu entschlossen, Strafanzeige gegen die Polizeibeamten zu erstatten. Ich bin mit dem Mandanten rüber zur Staatsanwaltschaft und habe zwei ausgewachsene Staatsanwälte gebeten, sich die Verletzungsfolgen anzuschauen. Und dann haben wir das Tatgeschehen zu Protokoll gegeben. Warten wir mal ab, was aus der Sache wird.
Wobei aktive Strafverteidigung natürlich nicht aus Abwarten besteht, aber das ist halt so eine Redensart.
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