L'esprit de Lorenz: "täglich ins Internet kotzen" - der ORF-Programmdirektor spricht über die Jugend (und das Gesetz)

Prof. Wolfgang Lorenz ist derzeit noch ORF-Programmdirektor Fernsehen. Dass ihm - seine Wortwahl - "scheißegal" ist, was die Jugend im - von ihm so genannten - "Scheißinternet" macht, hat er bekanntlich schon im Jahr 2008 mitgeteilt (siehe in diesem Blog dazu hier, weitere Links hier). Ganz so "scheißegal", wie er das damals auch behauptet hat, dürfte es ihm aber doch nicht sein, ob die Jugend [dem ORF] zuschaut oder nicht, sonst hätte er sich nicht vor kurzem - anlässlich der Eröffnung der Tage der deutschsprachigen Literatur (aka Bachmannpreis-Wettlesen) in Klagenfurt am 23. Juni 2010 - bitter über die dem ORF fernbleibende Jugend beklagt. Die von Wolfgang Lorenz dargebrachten "Grußworte" - laut ORF eine "apokalyptisch zu nennende Rede" - sind ein gleichermaßen skurriles wie erschreckendes Zeitzeugnis, das glücklicherweise auf der Bachmannpreis-Website als Videodatei zugänglich ist ("Eröffnung der 34. Tage der deutschsprachigen Literatur", Wolfgang Lorenz spricht etwa ab Minute 28:00). Um dieses Zeitdokument auch im Text verfügbar zu machen, habe ich es transkribiert. Hier also die Rede von Wolfgang Lorenz im Wortlaut (ohne nachträgliche Redaktion; Satzzeichen und Absätze habe ich nach bestem Wissen und Gewissen eingefügt; die Hervorhebungen und Anmerkungen in eckiger Klammer sind von mir): Ja, ich soll auch Grußworte sprechen, ich weiß aber nicht genau, von wem ich Sie grüßen lassen soll, ich kann Sie ja nicht grüßen, weil ich bin ja da, also das wär ja sinnlos; ich kann mich nur von Ihnen verabschieden, was ich übrigens demnächst auch wieder tun werde. Also nehme ich an, ich bin eingeladen, Sie von der Anstalt zu grüßen, der Rundfunkanstalt selbstverständlich, die irgendwann auch einmal Rundfunkgesellschaft geheißen hat [Anm: der ORF heißt weder Anstalt, noch ist er eine; als Gesellschaft mbH hat der ORF mit 15.10.1974 zu existieren aufgehört], das ist irgendwie aus der Mode gekommen, weil da drin kommt Gesellschaft vor und Gesellschaft gibt's ja bekanntlich nicht mehr, die ist ja abgeschafft worden, seitdem sich nur jeder um sich selbst kümmert, und wir können heute bestenfalls von einer Überlebensgesellschaft reden, aber nicht mehr von einer Lebensgemeinschaft. Das ist bedauerlich, aber einfach festzustellen. Wir sind mit Politik konfrontiert, die sich Gesellschaft als die Summe der größtmöglichen Wählerschaft vorstellt, und ich bekenne auch, dass die Rundfunkgesellschaft eine gewisse Sehnsucht hat nach einer Masse an Gebührenzahlern und Werbeeinnahmen, das heißt beides sind eigentlich keine wirklich guten gesellschaftlichen Vorstellungen. Warum ist das so? Uns fehlt ein wichtiger Teil von Gesellschaft, nämlich die p.t. Jugend, die auch hier immer so angefleht wird, sie möge doch endlich Lesen lernen, durch Zuschauen zumindest oder irgendwie; die fällt nämlich total aus, weil sie offensichtlich einerseits die Schnauze voll hat - das haben die Jungen eh immer gehabt, ich glaube ich nicht, aber insgesamt, und ich k…

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches
  • Links

Themen: Internet , Orf , Rundfunk , Rede , Lorenz
Rechtsgebiet: Medienrecht

Erschienen 6. Juli 2010 auf http://blog.lehofer.at.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

ORF-Programmdirektor: "Scheiß Internet" - "aber wir verkaufen auch Klopapier"

e-comm | 9. November 2008 — Dieses Posting ist vielleicht ein wenig unappetitlich, aber es geht eben um Aussagen von ORF-Programmdirektor Prof. Wolfgang Lore…

Lautes Nachdenken über Sterbehilfe

MCNeubert lawblog | 23. August 2004 — Gestern habe ich meine 85jährige Oma im Pflegeheim besucht. Vor 2 Wochen lief sie noch einigermaßen fit – nur leicht verwirrt…

Anrufer des Tages: Könnte ich bitte Ihren Dachdecker sprechen?

Markentiger® | 29. März 2011 — Heute wollte wieder jemand den Dachdecker sprechen. Kam in letzter Zeit nicht mehr so häufig vor: “Ja, Rechtsanwalt Pauleit…

Es kommt drauf an

firstlex-blog | 31. Januar 2010 — Ich hoffe, Sie haben keine Aktien mehr. Nicht, weil Sie darum betrogen worden sind oder weil Ihre Aktien wertlos geworden si…

Referendariat Verwaltungsstation: Zwischenbilanz: Verwaltungsstation

Rechtseinblicke | 7. Oktober 2008 — Bald ist die Hälfte der Verwaltungsstation schon vorüber. Meine praktische Ausbildung ist eigentlich ganz okay. Die Arbeitsbela…

Da sind Sie nicht der Erste!

Kleinblog | David Klein | 17. Juli 2007 — Die Bahn baut vor meinem Schlafzimmerfenster. Das nervt, weil die Bahn natürlich auch nur nachts an den Schienen bastelt. Nun w…

Kundenkredit: KUNDENKREDIT

LawBlog | 15. Januar 2005 — Kautionen sind in Deutschland zwar erlaubt. Richter machen aber nur sehr zögerlich davon Gebrauch. Wenn ich als Verteidiger m…

Trolls

kanzlei-hoenig.de | 5. Oktober 2008 — Warum ich blogge? Weil’s Spaß macht. Mir - beim Schreiben. Und vielen anderen - beim Lesen. Einige Leser schreiben dann auch. D…

SEHEN UNS

LawBlog | 10. Januar 2005 — Diskussion mit einem Strafrichter, der um 18.04 Uhr (sehr löblich, diese Arbeitszeiten) auf mein Handy durchgestellt wurde: I…

Das erste Mal in Robe

Rechtseinblicke | 4. Juli 2008 — Mich hat es diese Woche also das erste mal getroffen: ich musste Sitzungsvertretung machen. Der weiße Langbinder saß perfekt, d…

ORF Kundendienst - Unternehmen
Wolfgang Lorenz oder warum sich das junge Publikum des ORF in Grenzen hält « Alles und Nichts
Willkommen in �diesem Scheiß-Internet!�

Die gelisteten Kommentare sind offene Briefe an Wolfgang Lorenz. Jener ORF Programm Direktor, der auch 2008 das laut ihm "Scheiß-Internet" für "nicht relevant" hält...


Bachmannpreis
Ernsthafter Eröffnungsabend - oesterreich.ORF.at
Die Eröffnung im ORF Theater | Bachmannpreis
Brave New World - Wikipedia, the free encyclopedia
ORF-Lorenz: "Schritt in Richtung Staatsfunk"

Programmdirektor Lorenz kritisiert im KURIER-Interview das neue ORF-Gesetz und plädiert für die Auslagerung von ORF 1-Produktionen.