Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung nach Love-Parade
Reuters | 26. Juli 2010 — Berlin (Reuters) - Nach der Katastrophe bei der Love-Parade in Duisburg ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Töt…
Duisburg (Reuters) - Nach der tödlichen Massenpanik bei der Love-Parade in Duisburg rechnen die Ermittlungsbehörden nicht mit einer raschen Klärung der Ursache.
"Das wird Wochen, wenn nicht Monate dauern", sagte Staatsanwalt Rolf Haferkamp am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Es müssten viele Zeugen ausfindig gemacht und befragt werden. Zudem würden Fotos und Videos vom Unglücksort ausgewertet. Nach seinen Angaben wurden bei der Katastrophe deutlich mehr Menschen verletzt als zunächst angenommen. "Die letze Zahl war 511", sagte Haferkamp am Mittag. 43 Menschen befänden sich noch im Krankenhaus, ein Opfer schwebe weiter in Lebensgefahr. Bei der Massenpanik starben am Samstag 19 Menschen.
Am Sonntag hatten die Behörden die Zahl der Verletzten noch mit 342 angegeben. Unter den Toten sind auch sieben Ausländer: Zwei Spanier, ein Niederländer, ein Australier, ein Italiener, ein Chinese und ein Bosnier. Die Staatsanwaltschaft ermittelt Haferkamp zufolge gegen Unbekannt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung. Es gehe darum herauszufinden, ob Entscheidungen getroffen worden seien, die zu Todesopfern geführt hätten. Nach Angaben der Polizei Duisburg liegen zwei Strafanzeigen vor.
SPIEGEL ONLINE: FESTGELÄNDE NUR FÜR 250.000 FREIGEGEBEN
Zahlreiche Augenzeugen und die Polizeigewerkschaft hatten das Sicherheitskonzept als unzureichend kritisiert. Zudem habe es Warnungen gegeben, dass die Techno-Party wegen der Massen von Besuchern in einer Tragödie enden könne. Die Besucher hatten nur durch einen Tunnel auf das Gelände kommen können, an dessen Ausgang es schließlich zu der Massenpanik kam. Die Beantwortung von Detailfragen zu dem Konzept hatten Vertreter von Stadt und Polizei am Sonntag trotz hartnäckiger Nachfragen unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen verweigert. Sie erklärten jedoch, dass es auf dem Festgelände ausreichend Platz gegeben habe. Von einer Massenpanik wollte der Duisburger Polizeichef Detlef von Schmeling ebenso wenig sprechen wie von der zuvor auch von der Polizei verbreiteten Zahl von 1,4 Millionen Besuchern.
Ein internes Verwaltungsdokument zeigt nach Informationen von Spiegel Online, dass das Festgelände für maximal 250.000 Menschen freigegeben war. Die Veranstalter hätten aber mit deutlich mehr als einer Million Teilnehmern gerechnet. Das Schriftstück vom 21. Juli 2010 trage den Titel "Genehmigung einer vorübergehenden Nutzungsänderung" und richte sich an die Berliner Lopavent GmbH, die Veranstalter der Love-Parade, berichtete der Internetdienst. Die Behörden hätten darin die Organisatoren von bestimmten Vorschriften für Fluchtwege befreit und auch auf Feuerwehrpläne verzichtet. Dafür gaben sie den Ausrichtern der Party vor, dass die maximale Personenzahl, die sich gleichzeitig auf dem Veranstaltungsgelände aufhalten darf, auf 250.000 Personen begrenzt werden müsse. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wird dem Bericht nachgegangen.
POLIZEI-GEWERKSCHAFTER: LOKAL-POLITIKER STANDEN UNTER DRUCK
Kritik richtete sich auch weiter gegen den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU), der sich für die Austragung der Love-Parade in der Ruhrgebiets-Stadt mit knapp 500.000 Einwohnern stark gemacht hatte. Sauerland war am Sonntagabend beim Besuch der Unglücksstelle ausgebuht worden.
Der stellvertretende Chef der Polizeigewerkschaft in Nordrhein-Westfalen, Wolfgang Orscheschek, sagte NDR Info, dass nach der im vergangenen Jahr wegen Sicherheitsbedenken abgesagten Love-Parade in Bochum Druck auf die Politiker in Duisburg ausgeübt worden sei. "Ein Druck von Seiten des Veranstalters auf Politiker und mit Zuhilfenahme natürlich von den Medien."
Erschienen 26. Juli 2010 bei http://www.reuters.com.
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