Kerner’s Kronzeuge

Kürzlich berichtete die Sat.1-Sendung „Kerner“ über den Bargeldklau bei Deutscher Post und DHL und erhielt nach eigenen Angaben zahllose Meldungen von Zuschauern mit ähnlichen Erfahrungen. Damit lässt sich das Thema erneut und quoteneffektiv aufwärmen.

Die Zuverlässigkeit der Postzustellung ist beileibe nicht nur bei Sendungen mit Wertinhalten schon seit Jahren in einer Häufigkeit mangelhaft, die eine grundsätzliche Präferenz zum eigenen Versand der Korrespondenz per Fax oder – sofern Schriftformerfordernisse zB dies zulassen – auch per Mail sinnvoll erscheinen liessen. Wer in den letzten Jahren einmal versuchte fehlende oder fehlerhafte Zustellungen bei der Post zu beanstanden, weiss um die Tatsache, dass es dafür längst keine konkrete und geeignte Adresse gibt. Die Zustellungen fremder Postsendungen mit völlig anderen Namen, Strassen und Hausnummern können hier pro Jahr einen eigenen Posteingangskorb füllen und dazu zählen auch von aussen erkennbare Kontoauszüge, Kreditkartenabrechnungen und andere Postsendungen. Die Reaktionen der Post bei Beanstandung und Nachfrage, wohin man derlei Fehlzustellungen geben kann, würden als absurde bis skurrile Geschichten Büchlein füllen. Doch die betreffen „nur“ offenkundige Schlamperei, die auch mit Arbeitsüberlastung und zu wenig Personaleinsatz nach Privatisierung nicht zu rechtfertigen und zu erklären sind.

Kerners Thema geht über blosse Schlamperei hinaus in kriminelle Tatbestände.

Beide Themenaspekte sind zu recht solche der kritischen Berichterstattung. So weit, so – zunächst – gut.

Jetzt aber liess er – wie in der Sendung geschildert wurde – einen angeblichen ehemaligen Mitarbeiter anonymisiert zu Wort kommen, der nach eigenen Behauptungen selbst, über einen langen Zeitraum und in erheblichem Umfang geklaut haben will. Was den Beitrag jenes „Kronzeugen“ so ärgerlich und fragwürdig macht ist im konkreten Fall der Eindruck, den er mit seinem Auftritt hinterlässt: frei von jeglichem Schuldbewusstsein, frei von jeglicher Distanzierung seines Handelns, Zuweisung der Verantwortung für sein Handeln an seinen ehemaligen Arbeitgeber, der es ihm schliesslich allein durch die Sachherrschaft über die ihm schlicht durch seinen Job anvertrauten Post- und Wertsendungen ermöglicht habe, ohne ihn überhaupt oder ausreichend zu kontrollieren. Das Motto lautet also: „Gelegenheit macht Diebe und schuld ist, wer seinem Arbeitnehmer per Vertrag Aufgaben anvertraut, die schlicht tätigkeitsypisch Ware in die Hand geben müssen“? Soll derlei Geistes Kind wirklich (und mutmasslich kaum ohne ein Honorar für diesen „Auftritt“) als Kronzeuge für Fehlorganisation eines Unternehmens ein sensationsheischendes mediales Forum haben? Drehe man doch bitte nicht so kritiklos, was jemand , der hemmungslos kriminell Kunden wie seinen Arbeitgeber schädigte von sich gibt, sondern …

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Themen: Post , Kommentar , Dhl , Kerner , Deutsche Post , Sat 1 , Kritik , News & Medien , Social Media & Networking , Rechts Und Links Reingeblinzelt , Verbraucherschutz Und Verbraucherrecht , Jörg Koens , Wertdiebstahl

Erschienen 2. September 2011 auf http://jusatpublicum.wordpress.com.

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