Amokläufer kündigte Tat im Internet an
Reuters | 12. März 2009 — Waiblingen (Reuters) - Der 17-jährige Tim Kretschmer hat seinen Amoklauf von Winnenden im Internet angekündigt und war in psych…
Berlin (Reuters) - Auch zwei Tage nach dem Amoklauf von Winnenden mit 16 Toten herrscht Rätselraten über das Motiv des 17-jährigen Tim Kretschmer.
"Es gibt verschiedene Anhaltspunkte, aber es gibt nicht die schlüssige Erklärung dafür", sagte der Inspekteur der Polizei Baden-Württemberg, Dieter Schneider, am Freitag. Ein Teil der Ermittlungen konzentrierte sich auf einen Beitrag in einem Internet-Gesprächskreis, der zunächst als Ankündigung der Bluttat durch Kretschmer gewertet wurde. Trittbrettfahrer hielten am Freitag mit Amoklauf-Drohungen die Behörden in Atem.
Wenige Stunden bevor der Jugendliche am Mittwoch in seiner früheren Realschule zwölf Menschen und auf der Flucht drei Passanten erschoss, wollen zwei Zeugen unabhängig voneinander die Ankündigung des Anschlags in einem Chatroom gelesen haben. Es gibt aber Zweifel, ob der Eintrag von Kretschmer stammt. Er sei nicht vom Computer des 17-Jährigen aus erstellt worden, sagte Schneider im ZDF. Eine Sonderkommission gehe nun der Frage nach, ob die Ankündigung authentisch oder gefälscht sei.
Der Betreiber der Internetplattform krautchan.net, wo die Zeugen den angeblichen Beitrag Kretschmers gesehen hatten, erklärte, ein Amoklauf sei bei ihnen nicht angekündigt worden. Sie vermuteten eine Fälschung. Die Verbindungsdaten von krautchan.net wurden in den USA angefordert. Geprüft werde solle auch, ob der Eintrag mit der Aussage "Ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen" nicht von einem anderem PC als dem des Täters gesendet wurde.
Eine zentrale Rolle bei den Ermittlungen spielen die Eltern des Jugendlichen. Sie waren jedoch noch nicht zu umfassenden Aussagen in der Lage. Ihre Vernehmung sei schon nach kurzer Zeit abgebrochen worden, sagte Landesinnenminister Heribert Rech der Internetausgabe des "Stern". "Eine vertiefende Vernehmung wird stattfinden, wenn die Eltern wieder können." Den Eltern, die 15 Waffen - darunter die Tatwaffe - zu Hause gelagert hatten, werde bislang kein Fehlverhalten vorgeworfen, erklärte die Polizei.
Der Leiter des Darmstädter Instituts für Psychologie und Sicherheit, Jens Hoffmann, sagte Reuters-TV, am Anfang einer Amoktat sei immer etwas nicht in Ordnung. "Ein Schüler fühlt sich gekränkt, zurückgewiesen." Er werde depressiv und denke über Selbstmord nach. Als eine Möglichkeit dafür erscheine ihm ein Amoklauf. Die Tat werde meistens angekündigt. Der Amoklauf von Erfurt 2002 habe das Problem in Deutschland verschärft, weil dies "eine Ansteckungsqualität für Jugendliche" habe.
TRITTBRETTFAHRER HALTEN POLIZEI IN ATEM
Bis Freitag hatte der Amoklauf von Winnenden mehr als ein halbes Dutzend ähnlicher Drohungen ausgelöst. In Ennepetal in Nordrhein-Westfalen wurde ein 17-Jähriger festgenommen, nachdem er einen Anschlag Mitschülern angekündigt hatte. Bei ihm wurden Hieb- und Stichwaffen sowie eine Anleitung und Materialien zum Bau eines Sprengkörpers gefunden. Eine Schule in Ilsfeld, rund 30 Kilometer von Winnenden entfernt, wurde nach einer Amok-Ankündigung geschlossen. In Esslingen wurde ein 20-Jähriger nach ähnlichen Drohungen festgenommen. In Freiburg wurde eine Schule aus denselben Gründen geräumt. Im niederländischen Zundert wurde ein 18-Jähriger festgenommen, nachdem er von einer Schießerei in seiner Schule gesprochen hatte.
Auf politischer Ebene ging der Streit weiter, wie gegen Killerspiele, wie sie bei Kretschmer gefunden wurden, vorgegangen werden soll. Während Bayern eine Initiative zum Verbot gewaltverherrlichender PC-Spiele ankündigte, erklärten Vertreter der Bundesregierung, die gesetzlichen Grundlagen dafür seien gegeben. Die Computerspielbranche lehnte ein Verbot aller derartigen Spiele ab. Der Jugendschutz sei ausreichend, sagte ein Sprecher der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung".
An der zentralen Trauerfeier am Samstag in einer Woche wird Kanzlerin Angela Merkel teilnehmen, Bundespräsident Horst Köhler wird eine Rede halten.
Erschienen 13. März 2009 bei http://www.reuters.com.
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