Keine An­rechnung des Mittagessens auf Grundsicherungs­leistungen

Die Sozialämter durften von Leistungen nach dem Grundsicherungsgesetz keine Beträge für das in der Werkstatt für behinderte Menschen kostenfrei angebotene Mittagessen abziehen. Das hat der 21. Senat des Oberverwaltungsgerichts (OVG) für das Land Nordrhein-Westfalen mit Urteil vom 29.11.2006 (Az.: 21 A 1565/05 – Revision nicht zugelassen) entschieden.

Der Kläger, der wegen einer schweren Behinderung voll erwerbsgemindert ist, arbeitet in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Dort nimmt er regelmäßig ein Mittagessen ein, für das er keinen Kostenbeitrag zahlen muss. In den Jahren 2003 und 2004 erhielt er Leistungen nach dem bis zum 31.12.2004 geltenden Grundsicherungsgesetz (Anm.: deshalb auch der Verwaltungsrechtsweg). Das Sozialamt der Stadt Lünen zog von diesen Leistungen monatlich 45 Euro für das Mittagessen ab. Auch der Kreis Unna hielt diese Anrechnung im Widerspruchsverfahren für rechtens. Hiergegen wandte sich der Kläger. Seine Klage hatte im erstinstanzlichen Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen keinen Erfolg. Der Berufung des Klägers hat das Oberverwaltungsgericht nunmehr mit dem o. g. Urteil stattgegeben.

Zur Begründung hat es ausgeführt: Das dem Kläger in der Werkstatt für behinderte Menschen kostenfrei angebotene Mittagessen führe nicht zu einer Minderung des monatlichen Bedarfs, der durch die Leistungen des Grundsicherungsgesetzes abgedeckt werden solle. Eine individuelle Ermittlung des jeweiligen Bedarfs sei weder mit dem Wortlaut noch mit dem Zweck des Grundsicherungsgesetzes, das lediglich pauschalierte Leistungen vorsehe, vereinbar. Es sei auch nicht zulässig, das Mittagessen als Einkommen anzurechnen. Denn das Mittagessen werde im Rahmen der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen angeboten und sei damit eine Sozialleistung nach dem Bundessozialhilfegesetz, die nicht zum Einkommen zähle. Das Gesetz schreibe vor, unter welchen - vor allem wirtschaftlichen - Voraussetzungen der Landschaftsverband als überörtlicher Träger der Sozialhilfe einen Kostenbeitrag für das Mittagessen in Werkstätten für behinderte Menschen verlangen könne. Wenn diese Voraussetzungen - wie hier - nicht vorlägen, solle ein behinderter Mensch nicht auf dem Weg der Kürzung der ihm zustehenden Grundsicherungsleistungen schließlich doch die Kosten hierfür tragen müssen.

Quelle: PM OVG NRW

  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches

Themen: Urteil , Oberverwaltungsgericht , Senat , Rechnung , Behinderte Menschen , Ovg
Rechtsgebiet: Verwaltungsrecht

Erschienen 12. Dezember 2006 auf http://info.folkertjanke.de.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Pingelig und rechtswidrig

LawBlog | 12. Dezember 2006 — Sozialämter handeln mitunter zu pingelig und damit auch schon mal illegal. Das im westfälischen Lünen kürzte für einen schwer b…

Mittagessen Behindertenwerkstatt: Mittagessen in der Behindertenwerkstatt

Rechtslupe | 16. Dezember 2008 — Behinderte Menschen, die im Arbeitsbereich einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) teil­stationär eingesetzt und bedürft…

Aufnahme in Förder- und Betreuungsbereich einer Werkstatt für behinderte Menschen

Rechtsanwalt Köper Hamburg | 8. September 2009 — Das Sächsische Landessozialgericht hat entschieden (Beschluss vom 27.08.2009, Az.: L 7 SO 25/09 B ER), dass der einer Werkstatt…

Krankenkasse muss häusliche Pflege auch außer Haus zahlen

Kanzlei Potthast Rechtsanwälte | 25. November 2009 — Insulininjektion muss bei Bedarf auch am Arbeits-platz verabreicht werden Besteht ein Anspruch auf häusliche Krankenpflege, s…

Für Mittagessen im Kindergarten kann Pauschale erhoben werden

Anwaltskanzlei Ferner Alsdorf | 9. Oktober 2009 — Die Erhebung eines monatlichen Pauschalbeitrages für die Teilnahme eines Kindes am Mittagessen im Kindergarten ist zulässig. Di…

Mittagessen

Vertretbar Weblawg | 18. Juni 2006 — Beim Aufräumen gefunden: Das Mittagessen am Prüfungstag, nachdem ich Aktenvortrag und Zivilrecht nur auf ein paar Keksen hinter mi…

Bundessozialgericht stärkt Rechte behinderter Menschen

Kanzlei Blaufelder | 30. November 2011 — Zahlt die Bundesagentur für Arbeit (BA) Behinderten ein „persönliches Budget“ zur Teilhabe am Arbeitsleben, müssen Betroffene …

Keine Entlassung wegen 2,70 Euro

beck-blog | 14. Oktober 2010 — Streng genommen hat der Fall im Arbeitsrechts-Blog nichts zu suchen, denn es geht nicht um Arbeits-, sondern um Beamtenrecht: D…

Kindergeld bei teilstationärer Unterbringung in einer Werkstatt für behinderte Menschen

Rechtslupe | 12. April 2012 — Bei der Prüfung der Frage, ob ein behindertes Kind mit den ihm zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln seinen gesamten not…

Bewerbergespräch

Jungle Out There | 18. Juli 2007 — Gleich darf ich mit zu einem Bewerbungs-Mittagessen. Es geht um eine Einstellung einer vierten (!) Bibliothekarin. Die Bibliothek …