Kanzleramt hatte früh Hinweis auf zivile Opfer in Kundus
Reuters | 25. März 2010 — Berlin (Reuters) - Das Bundeskanzleramt hatte schon wenige Stunden nach dem nächtlichen Luftangriff bei Kundus konkrete Hinweis…
Berlin (Reuters) - Das Bundeskanzleramt hatte schon Stunden nach dem Luftangriff von Kundus konkrete Hinweise auf zivile Opfer.
Ein Regierungssprecher bestätigte am Donnerstag einen Bericht von "Spiegel-Online", nach dem der Bundesnachrichtendienst (BND) eine E-Mail mit entsprechenden Informationen an die Regierungszentrale geschickt hatte. Bei der zitierten E-Mail vom 04. September 2009 habe es sich um eine unverbindliche Erstinformation des BND gehandelt, teilte der Regierungssprecher mit.
Nach dem "Spiegel-Online"-Bericht hatte der Geheimdienst in seiner E-Mail geschildert, dass bei dem Angriff auf zwei gekaperte Tanklaster "zahlreiche Zivilisten ums Leben gekommen sind (Zahlen variieren von 50 bis 100)". In dem Schreiben habe der BND berichtet, dass der Raub der beiden Laster sowohl einen kriminellen als auch einen terroristischen Hintergrund haben könnte. Die Zahl der zivilen Opfer sei so hoch, weil Dorfbewohner die Gelegenheit genutzt und sich mit Benzinkanistern zu den Lastern auf den Weg gemacht hätten, um Treibstoff abzuzapfen.
Diese Mail und weiteren Unterlagen des Bundeskanzleramtes seinen dem Kundus-Untersuchungsausschuss übergeben worden, sagte der Regierungssprecher. Der Ausschuss soll die Hintergründe des von einem deutschen Offizier angeordneten Luftangriffs untersuchen. Dabei geht es im wesentlichen um die Frage, ob die Bombardierung angemessen gewesen war. "Die Unterlagen bestätigen darüber hinaus die Haltung der Bundeskanzlerin, zu keinem Zeitpunkt zivile Opfer auszuschließen und sogleich deutlich zu machen, dass die offizielle Untersuchung der ISAF abgewartet werden muss", sagte der Regierungssprecher.
Kanzlerin Angela Merkel hatte die Existenz ziviler Opfer nicht verneint, sich aber erst Tage nach dem Luftangriff zu dem Vorfall geäußert. Der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung hatte dagegen noch mehrere Tage nach dem Vorfall betont, nach seinen Informationen gebe es keine Erkenntnisse über den Tod von Zivilisten. Jung sagte am Donnerstag als Zeuge vor dem Untersuchungsausschuss aus. Am 22. April soll sein Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg befragt werden. Auch Guttenberg hatte den Angriff zuerst als angemessen bewertet, später aber seine Meinung geändert.
Erschienen 25. März 2010 bei http://www.reuters.com.
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