Käßmann tritt von allen Kirchen-Spitzenämtern zurück
Reuters | 24. Februar 2010 — Hannover (Reuters) - Vier Tage nach ihrer Trunkenheitsfahrt ist Margot Käßmann von allen kirchlichen Spitzenämtern zurückgetret…
Hannover (Reuters) - Vier Tage nach ihrer Trunkenheitsfahrt ist Margot Käßmann von allen kirchlichen Spitzenämtern zurückgetreten.
Sie lege sowohl den Ratsvorsitz der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) als auch ihr Amt als Landesbischöfin von Hannover nieder, sagte Käßmann am Mittwoch in Hannover.
"Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben", begründete die Theologin ihren Schritt. Es gehe aber auch "um Respekt und um Achtung vor mir selbst und um meine Geradlinigkeit, die mir viel bedeutet", sagte Käßmann, die am 28. Oktober als erste Frau an die Spitze der EKD gewählt worden war. Sie werde weiter als Pastorin tätig bleiben. Die Fahrt unter Alkoholeinfluss sei ein schwerer Fehler gewesen, den sie bereue.
Die 51-Jährige war am Samstag mit 1,54 Promille am Steuer ihres Autos von der Polizei angehalten worden, nachdem sie eine rote Ampel überfahren hatte. Nach Bekanntwerden der Trunkenheitsfahrt hatte ihr der Rat der EKD am Dienstagabend nach einer Telefon-Schaltkonferenz einmütig sein Vertrauen bekundet. Zugleich hatte das Leitungsgremium ihr selbst die Entscheidung über das weitere Vorgehen überlassen.
Käßmann dankte dem EKD-Rat für das ausgesprochene Vertrauen. "Es tut mir leid, dass ich Viele enttäusche, die mich dringend gebeten haben, im Amt zu bleiben, und die mich auch vertrauensvoll in meine Ämter gewählt haben", sagte die Theologin. "Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand, und für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar", schloss sie ihre Erklärung.
Seit ihrem Amtsantritt im Oktober hatte sich Käßmann immer wieder auch in politische Debatten eingeschaltet, zuletzt in die Diskussion über einen Missbrauch von Hartz-IV-Leistungen. Vor einigen Wochen hatte sie für Aufsehen gesorgt, als sie in einer Predigt den Krieg in Afghanistan scharf kritisiert hatte. "Die harsche Kritik an einem Predigtzitat wie 'nichts ist gut in Afghanistan' ist nur durchzuhalten, wenn persönliche Überzeugungskraft uneingeschränkt anerkannt wird", sagte Käßmann. Durch ihr Fehlverhalten haben sie aber die Freiheit verloren, ethische und politische Herausforderungen zu benennen und zu beurteilen.
RESPEKTBEKUNDUNG AUS KIRCHE UND POLITIK
Hohe Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche zollten Käßmann Respekt für ihren Schritt. Die oberste Repräsentantin der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Katrin Göring-Eckardt, sagte zu Reuters, Käßmann habe dem Protestantismus in Deutschland Gesicht und Stimme verliehen. Mit ihrer Geradlinigkeit in theologischen und sozialen Fragen werde sie der Kirche fehlen. "Aber dieser Geradlinigkeit entspricht auch ihre Rücktrittsentscheidung", sagte die Grünen-Politikerin, die als Präses dem Kirchenparlament der EKD vorsteht.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, bedauerte den Rücktritt. Er kenne Käßmann als einen Menschen, der bereit sei, Verantwortung zu übernehmen. Daher könne er ihren Schritt verstehen.
SPD-Chef Sigmar Gabriel äußerte Respekt und Bedauern. Käßmann habe den Mut gehabt, wichtige Debatten innerhalb der evangelischen Kirche und für das Land anzustoßen, erklärte er.
Erschienen 24. Februar 2010 bei http://www.reuters.com.
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