Juncker fordert in Schuldenkrise Debatte ohne Tabus

Berlin/Brüssel/Athen (Reuters) - Im Streit über die Lehren aus der Schuldenkrise hat Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker eine Debatte ohne Tabus gefordert.

Die Staats- und Regierungschefs sollten nicht davor zurückschrecken, Anleihen hochverschuldeter Euro-Länder aufzukaufen, sagte Juncker in einem "Spiegel"-Interview. "Es wäre falsch, Tabuzonen zu errichten, aber wir dürfen die Starken auch nicht überfordern." Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble kündigte an, dass der Euro-Rettungsschirm effektiver gestaltet werden soll. "Wir sind einig darüber, dass wir in den nächsten Wochen ein Gesamtpaket schnüren wollen, damit wir nicht alle paar Monate nachsteuern müssen", sagte Schäuble dem "Tagesspiegel". Dazu gehöre auch, den Schirm so auszustatten, dass der EU-Anteil von 440 Milliarden Euro bei Bedarf auch tatsächlich zur Verfügung stehe.

An einer Reform des Euro-Rettungsschirms (EFSF) führt nach Ansicht von Eurogruppen-Chef Juncker kein Weg vorbei: "Es ist unabdingbar, dass wir die 440 Milliarden Euro, die wir im vergangenen Mai in Aussicht gestellt haben, nun auch effektiv bereitstellen." Juncker trat dem Eindruck entgegen, dass vor allem Deutschland durch eine bessere Ausstattung des EFSF belastet werden könnte. Um den Schirm effizienter zu machen, müssten auch andere Länder mit guter Bonitätsnote ihren Beitrag leisten. Juncker zeigte sich zuversichtlich, dass sich die Bundesregierung diesem Ziel nicht verschließen werde.

Schäuble sagte weiter, die für ein Gesamtpaket geplanten Maßnahmen reichten von der Stärkung des Stabilitätspaktes - also die Regeln zur Schuldenbegrenzung einzelner EU-Mitglieder - bis hin zur besseren Koordinierung von Europas Wirtschaftspolitik. "Wir müssen verhindern, dass die Menschen das Gefühl haben, wir stolpern von einer Krise in die nächste", unterstrich der CDU-Politiker.

Als Alternative für eine Aufstockung des Rettungsschirms brachte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle ein unterschiedliches Zinsniveau innerhalb des Fonds ins Gespräch. Die einzelnen Kredittranchen, die sich der Rettungsschirm EFSF am Markt borge und an die hilfebedürftigen Länder weitergebe, könnten zu unterschiedlichen Zinsen aufgenommen werden, sagte der FDP-Politiker der "Welt am Sonntag". "Dann bräuchte man am Volumen nichts zu ändern."

"SPIEGEL": ZAHLUNGSVERZICHT FÜR GRIECHENLAND-BONDS

Neben einer Reform des Rettungsschirms wird in der Euro-Zone auch über eine Umschuldung finanziell angeschlagener Staaten wie etwa Griechenland diskutiert. Nach Informationen des "Spiegel" wirbt EFSF-Chef Klaus Regling für einen freiwilligen Forderungsverzicht bei Griechenland-Schulden. Bereits vor einigen Wochen habe Regling in den Hauptstädten der Euro-Zone und bei der EU-Kommission seine Idee vorgestellt, berichtete das Magazin ohne Nennung von Quellen. Der Plan habe gute Aussichten, als Teil eines Gesamtpakets zur Stabilisierung der Euro-Zone beim Europäischen Rat im März beschlossen zu werden. Ein EFSF-Sprecher lehnte eine Stellungnahme ab.

Die Finanzminister der Euro-Gruppe hätten den Vorschlag bei ihrem jüngsten Treffen in Brüssel diskutiert, berichtete das Magazin weiter. Die Überlegungen seien auf große Sympathien gestoßen. "Das ist eine gute Idee", zitierte das Magazin auch einen ranghohen Vertreter des Bundesfinanzministeriums. Dagegen sagte ein Sprecher von Schäuble: "Ich wüsste nicht, dass sich jemand aus dem Finanzministerium so geäußert hätte." Zu den weiteren Details äußerte sich der Sprecher nicht.

Schäuble selbst würdigte im "Tagesspiegel" die Sanierungsmaßnahmen Griechenlands. Das Land sei einen schweren Weg gegangen, auch wenn die Schritte wohl noch nicht die Finanzmärkte überzeugt hätten. Für ihre harte Arbeit gebühre den Griechen aber Respekt. "Wir sollten deshalb alle Diskussionen unterlassen, die diesen Prozess erschweren."

Die griechische Notenbank warnte, dass Spekulationen um eine Umschuldung dem Land schadeten. Die Regierung in Athen betonte ihrerseits, keine Umschuldung anzustreben. Eine Restrukturierung der Schulden werde mit der Erwirtschaftung von Haushaltsüberschüssen und Reformen verhindert, sagte Finanzminister Giorgos Papakonstantinou der Zeitung "Eleftherotypia".

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sagte am Sonntag im niederländischen Fernsehen, er rechne nicht mit einer Restrukturierung von Schulden eines Euro-Landes in diesem Jahr. Bereits in den vergangenen Tagen hatten mehrere Zeitungen von Gedankenspielen in der Euro-Zone über eine freiwillige Umschuldung griechischer Schulden berichtet. Ein Sprecher der EU-Kommission bezeichnete dies als Unsinn.



Quelle: Reuters (23. Januar 2011)

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Erschienen 23. Januar 2011 bei http://www.reuters.com.

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