Hundert Milliarden Chancen verpasst
am 19.04.2007 von strafblog
Ein makabres Vermächtnis hat der Amokläufer von Virginia, Cho Seung-Hui, dem TV-Sender NBC per Post übersandt, nachdem er die beiden ersten Morde in einem Wohnheim der Virginia Tech Universität begangen hat. Danach begab er sich in das Lehrgebäude Norris Hall und erschoss weitere 30 Menschen, bevor er sich selbst tötete. 43 Fotos, ein 1.800 Worte langes schriftliches Manifest sowie ein Video, in dem er sich zu seiner Tat äußert, waren in dem Paket, welches dem Fernsehsender gestern zuging und heute morgen Gegenstand der Berichterstattung in allen Medien ist. Bei focus-online liest sich das so:
“Ihr hattet einhundert Milliarden Chancen, das hier zu vermeiden”, sagte Cho in von NBC am Mittwochabend gezeigten Ausschnitten. “Aber ihr habt entschieden, mein Blut zu vergießen. Ihr habt mich in die Ecke getrieben und mir nur eine Option gelassen. Jetzt habt ihr Blut an euren Händen, das sich nie mehr abwaschen lässt.” Und weiter: ”Es ist euch zu verdanken, dass ich wie Jesus sterbe – und zur Inspiration werde für die Schwachen und diejenigen, die sich nicht verteidigen können.” Cho verflucht “reiche, verwöhnte Kinder”: “Eure Mercedes-Autos waren nicht genug, ihr Gören. Eure goldenen Halsketten waren nicht genug, ihr Snobs. (…) Das alles war nicht genug, um eure hedonistischen Gelüste zu befriedigen. Ihr hattet alles.” Viele Passagen sind völlig zusammenhangslos und mit Flüchen gespickt, so dass der US-Sender sie nicht senden will.
In insgesamt 27 Videoclips nimmt Cho dem Bericht zufolge Stellung, vergleicht sich unter anderem mit den Amokläufern der Columbine High School in Littletown, Colorado, Eric Harris und Dylan Klebold, die vor 8 Jahren 12 Mitschüler und einen Lehrer erschossen und zahlreiche weitere verletzt hatten, ist mal sanft und mal aggressiv und wird zwischendurch auch mal obszön. „Als die Zeit reif war, habe ich es getan, ich musste es tun“, lautet das Fazit eines verwirrten Massenmörders, der “wie Jesus” sterben wollte und sich schließlich selbst gerichtet hat.
Viele Verhaltensauffälligkeiten soll der 23-jährige in den Monaten vor seiner Tat gezeigt haben. Die Direktorin einer Abteilung der Universität hatte sich wegen makabrer Gedichte und Theaterstücke voller Gewalt-, Sexual- und Todesfantasien bereits an die Polizei gewandt. Im Dezember 2005 war Cho zur Behandlung in eine psychiatrische Klinik, das Carilion St. Albans Behavioral Health Center in Radford, Virginia, eingewiesen worden, nachdem er zwei Kommilitoninnen der Virginia Tech mit “unangemessenen Telefonaten und Emails” belästigt hatte. Cho sei “geisteskrank, behandlungsbedürftig und eine Gefahr sowohl für sich als auch für andere”, hatte ein Richter damals festgestellt. Mit der Auflage, er müsse sich in ambulante Behandlung begeben, war Cho kurz darauf wieder entlassen worden. Anscheinend ist die Einhaltung der Auflage nie überprüft worden.
“Hundert Milliarden Chancen”, das Massaker zu vermeiden, gab es wohl nicht, aber Vieles spricht dafür, dass eine ganze Reihe von Alarmzeichen von den Behörden übersehen wurden. Wobei man im Nachhinein ohnehin immer klüger ist …
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