Gunnar Heinsohn: Söhne und Weltmacht
am 11.02.2007 von Sartorienfelder
Wo liegen die Ursachen für die Unzahl der blutigen Konflikte auf dem Erdball? Als Antwort dürfte man gemeinhin auf Fanatiker religiöser oder sonstwelcher Ausrichtung oder soziale Spannungen verwiesen werden.
In dem 2003 erstmals erschienenen Buch “Söhne und Weltmacht” weist Gunnar Heinsohn, Professor an der Universität Bremen, auf einen anderen Faktor hin: Ein übergroßer Anteil perspektivloser männlicher Jugendlicher (Heinsohn spricht von “dritten und vierten Söhnen”) an der Gesamtbevölkerung. Deren Streben nach gesellschaftlicher Bedeutung sucht sich dann Religion oder eine politische Ideologie als Vehikel, was in der Folge für Konflikte sorgt. Im Englischen ist dafür der Begriff “Youth Bulge” geprägt worden. Eine solche Erscheinung trat im Vorfeld vieler Konflikte der jüngeren Vergangenheit, die massenhaft Menschenleben gekostet haben, auf. Aktuell gilt das für die Unruhen in den Palästinensergebiete, deren Anteil männlicher Jugendlicher an der Gesamtbevölkerung nur noch von Afghanistan übertroffen wird. Aber auch beispielsweise der Kosovo-Konflikt weist einen solchen Hintergrund auf - die UCK wurde erst dann richtig aktiv, als die Fertilität der albanischen Bevölkerung des Kosovo erheblich (bis zum achtfachen) größer war als jene der serbischen Bevölkerung.
Parallelen finden sich auch in früheren geschichtlichen Epochen - so etwa im Vorfeld des ersten Weltkrieges …
Dialektik der Abklärung:
Umrisse einer neuen Sicht auf den Auf- und Untergang des Abendlandes – oder:
Wer ist eigentlich Gunnar Heinsohn ?
Gunnar Heinsohn hat bereits 1984 und 1987 in zwei paradigmatischen Aufsätzen zwei fundamentale Fragen gestellt, die die geistige Situation unserer Zeit noch immer nicht losgelassen hat. Beide Fragen, gestellt schon vor der epochalen Zäsur der Rückabwicklung der großen sozialistischen Oktoberrevolution im Osten Europas, nämlich "Wer will denn überhaupt Sozialismus?“ (1984) und "Hat Aufklärung überhaupt schon begonnen?" (1987) stoßen in das Zentrum der Diskussion, wie sich Emanzipation nach dem großen Scheitern des angeblich emanzipatorischen Projekts marxistischer Provenienz neu denken lässt.
Es geht daher nochmals! um Postmoderne, die Aufklärung, ihre Dekonstruktion, ja Depotenzierung, um die Ein- und Rückholung ihres metaphysischen Überschusses und letztlich ihre Rehabilitierung und (Wieder-)Einsetzung !
Zurück hin zu Kant und zur Wissenschaft, und über die zur Praxis – richtig, eine bekannte Figur: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern: falsch, denn mit Odo Marquard heißt es, von Marx und den Folgen, dokumentiert im Schwarzbuch des Kommunismus und des Weltbürgerkrieges, kommend, schon eher richtig: Die Geschichtsphilosophen haben die Welt nur verschieden verändert, es kömmt drauf an, sie zu verschonen!
Ja, aber was, wenn es denn hieße, es kommt schlicht drauf an, sie nur richtig zu sehen ? die Welt richtig sehen und begreifen, also wissen, was war und ist ?
Es wird also eine Art zivilisatorisch motivierte Revue geschrieben werden (müssen), um zum Ziel zu kommen, das dem von Sloterdijk´s Sphären am Ende entspricht:
„Der Satz „Gott bist tot“ wird als die gute Nachricht der Gegenwart bestätigt. Man könnte ihn auch umformulieren: Die Eine Kugel ist implodiert, nun gut – die Schäume leben. Sind die Mechanismen der Vereinnahmung durch simplifizierende Globen und imperiale Totalisierungen durchschaut, liefert das gerade nicht den Grund, warum wir alles hinwerfen sollten, was als groß, beflügelnd und wertvoll galt. Den schädlichen Gott des Konsensus tot sagen heißt bekennen, mit welchen Energien die Arbeit wieder aufgenommen wird – es können keine anderen sein als jene, die in der metaphysischen Hyperbel gebunden waren. Hat eine große Übertreibung ausgedient, erheben sich Schwärme von diskreteren Aufschwüngen.“
Nur, dass auch mit einer weiteren Spielart der Metaphysik, die Karl Löwith in „Von Hegel zu Nietzsche“ schon lange am Wirken sah, gleich mit aufzuräumen ist und dies gründlich ! Denn darin liegt das Manko der bisherigen anderen Bemühungen auch der eher linken Provenienz. Es ist nicht so, dass das Ende der Staatssozialismen auch den Sozialismus aus den Köpfen der Menschen vertrieben hätte. Der spukt irgendwie als Möglichkeitsfeld, das zum Wohlsein des Menschen zu denken und vielleicht auch noch zu erkämpfen anzustreben wäre, noch immer durch die Köpfe. Nicht er ist diskreditiert, sondern, so die meisten Menschen, die Menschen, die ihn machten. Er sei besser als die Menschen, die an ihm als Menschen scheitern.
Nach Überwindung des metaphysischen Überschusses, der ganz unterschiedlich daher kommt, Sloterdijk ist wie auch Heidegger dabei der eine diskursiv-narrativ-phiosophische Weg, kommt die aus der Bahn geworfene Aufklärung am Ende wieder auf Spur.
Denken erzeugt Realitäten, und neue Realitäten erzeugen neue mögliche Denk-Möglichkeitsfenster; es gilt, auch das Ungeheure zu denken, ja denken zu können !
Was also ansteht ist, Geschichte, Philosophie und ökonomische Theorie, in einer Kombination neu zu strukturieren bzw. zu e i n e r Lektüre zu vereinen, denn; Die Kritik der politischen Ökonomie – immerhin Grundlage des dann einsetzenden roten Terrors und seiner das 20. Jahrhundert bestimmende Jahrhundert der weltkriegsentfachenden Ideologien – war der große Fehler. Sie konnte nicht stimmen, genauso wenig, was daraus folgen sollte, weil das, was von Marx kritisiert werden sollte, schon da selbst falsch war.
Es geht nicht um die Rücknahme des Projekts der Aufklärung als Projekt der Moderne, sondern um dessen Abrüstung. Das Programm der klassischen Aufklärung ist doch letztlich: Gott ist tot, es lebe der Mensch, der Mensch nimmt die Geschichte selbst in die Hand: mehr oder weniger implizit formuliert mit dem Forschungsprogramm der bürgerlichen Aufklärung, der “Natural History of Society“ der schottischen Moralphilosophen, zu denen auch Adam Smith gehörte: woraus auch zu sehen ist, vorher die normativen Grundlagen der politischen Ökonomie als Wissenschaft kommen: der liberale Grundgedanke, wer ein sich selbst glaubt, und danach handelt, indem er seine Interessen vertritt, handelt zum Wohle aller Gesellschaftsmitglieder, quasi per "invisible hand" ist doch genau der aufklärerischen Utopie geschuldet, die bürgerliche Welt werde sich schon als Krone der Zivilisation durchsetzen.
Die Natural History ist als Theorie des stufenweise sozialen Fortschritts von der Ur- Gesellschaft, wie sie den Theoretikern über Fernreisen der Epoche protokolliert wurden bis hin zur "commercial" oder "polished" society (Adam Ferguson) ein Forschungsprogramm in emanzipatorische Absicht. Zwar ist sie nicht durchwegs teleologisch zum „Heil angelegt, so aber doch zur bürgerlichen Gesellschaft, die dann per kommunikatives Handeln zu sich selbst kommt. Nun ist es aber so, dass die Dynamik der bürgerlichen Gesellschaft nicht gleich auch eine zum Wohlstand aller ist und der Markt nicht der große Vermittler, als der er gedacht wurde. Es geht in der bürgerlichen Gesellschaft nicht um Waren und Warentausch, sondern ums Geld.
Daher hat Marx den Kapitalfetisch so betont und gezeigt, dass Geld eine entscheidende Rolle im Wirtschaftsablauf hat: G-W-G´: da ist er über die Klassiker Smith und Ricardo hinausgegangen, ohne aber im Kuhnschen Sinne eine wissenschaftliche Revolution, wie sie erst der Keynesianismus gebracht hat, zu vollziehen: er ist Klassiker geblieben, da er seine Kritik auf dem Boden der klassischen politischen Ökonomie übertrieb und kein wirklich alternatives Paradigma entgegenhielt.
So wie auch schon der bürgerliche Materialismus der Schotten die Arbeit als Vermittlung zwischen Mensch und Natur ins Zentrum der Dialektik des Fortschritts über die Arbeitsteilung und das Ausdifferenzieren der Bedürfnisse rückten, bleibt Marx bei diesem Paradigma (Deutsche Ideologie) und hebt es mit Hegel über sich hinaus: der Hegelianer Marx, wie Klaus Hartmann 1969 deutlich gemacht hat, will Philosophie praktisch verwirklichen: das geht nur mit der Überwindung von nur - Philosophie, dem Studium der konkreten Bedingungen der Menschen in der Absicht, den stummen Zwang der Verhältnisse unter bewusste Kontrolle zu bringen.
Jene Dialektik mit ihrer Logik des Widerspruchs ist das Prinzip, das er auch in der Welt am Werke sieht: oder, wie E.M. Lange es 1980 ausdrückt: aus Hegels „Arbeit der Weltgeschichte" wird Marxens "Weltgeschichte der Arbeit": Marxens Errungenschaft besteht denn auch nach seinen eigenen Worten darin, die Dichotomie von konkreter und abstrakter Arbeit wissenschaftlich entdeckt zu haben: und damit die Dichotomie von Gebrauchs- und Tauschwert nochmals in einem Grundwiderspruch fundiert zu haben: diese Widerspruchsdialektik, die nach Auflösung strebt, ist das Prinzip, mit dem das Apriori der Durchgängigkeit des Kapitalismus und seine Notwendigkeit theoretisch stringent nachgewiesen werden kann: formal korrekt, aber auf Prämissen beruhend, die normativ sind.
Oder deutlicher: Marx stellt den Fortschrittsoptimismus der bürgerlichen Aufklärung nicht infrage, sondern steht auf dem Gipfel des narzisstischen Gedankens, der Mensch könne Gott ersetzen: es ist dieser Punkt, bei dem abgerüstet werden muss, es ist der Überschuss, diese Überforderung der Gattung: Nicht Gott ist mehr das idealisierte Spiegelbild, die Rettungsinstanz für die Defizienz des schwachen Menschen, wie Feuerbach richtig gesehen hatte, Gott wird säkularisiert zur Gattungsvernunft, womit wieder eine Überforderung betrieben wird.
Diese kommt zu sich selbst, wird praktisch, wenn nach der Überwindung des Privateigentums der neue Mensch seine Verhältnisse bewusst regelt: das ist, was Marx zeigen will, warum er Kritik der politischen Ökonomie betreibt, und dabei zu der überschwänglichsten Apotheose des Unternehmerkapitalisten und des Kapitalismus als solchen (Manifest !) kommt, apologetischer als die Schotten vor ihm, dennoch, aufgrund der Widerspruchsdialektik zu einer höheren Zivilisationsstufe fähig, wenn dazu reif, abzudanken.
Die Aufklärungsidee des Bürgertums wird nur um eins verschoben. Marx hat den Aufklärungsgedanken zu Ende geführt und radikalisiert, nicht infrage gestellt: wie konnte er es auch: der Materialist Marx war der größte deutsche Idealist im Grunde seines Herzens und Denkens: aus einem metaphysischen Grundverlangen überschüssig gespeist.
Die Synthese aus britischer Arbeitswertlehre und den Linkshegelianern Moses Hess und Feuerbach war genial, theoriegeschichtlich quasi unvermeidlich, daher objektiv in der Luft, aber deshalb noch lange nicht wahr im emphatischen Sinne, oder gerade doch wahr eben in diesem Sinne, aber nicht richtig.
In seiner Kritik des geschichtsphilosophischen Denkens hat Jochen Kittsteiner in seiner Dissertation „Naturabsicht und Unsichtbare Hand“ das grundlegende Fazit gezogen:
"Um dem geschichtsphilosophischen Denken vollends zu entkommen, sind noch weitere Stufen der „Entmystifizierung“ über die Marxschen hinaus notwendig…) erst dann kann Geschichte begriffen werden; als ein fremder Prozess, der in das individuelle Leben ein-schneidet, der nicht zum allegorischen Ausdruck eines geheimen Sinns gemacht werden kann und der nicht Bündnispartner für irgend jemanden ist. Was dann noch an bescheidenen humanen Zielsetzungen übrig bleibt, muss gegen die Geschichte erkämpft werden. Schlägt man sich die Vorstellung aus dem Kopf, ihres Inhalts losen Prozesses irgendwann Herr werden zu können, so kommt es auch nicht mehr darauf an, sie durch „gesellschaftliche Praxis“ auf einen imaginären Zustand zu bringen, sondern man muss nach neuen Bestimmungen suchen, was es heißen kann, ein Lebewesen zu sein, dass seiner nicht Machbaren Geschichte nicht entrinnt.“
Das klingt nun sehr resignativ. Dennoch setzt an diesem Punkte nach-metaphysisches Denken an. Doch was bei Kittsteiner im Grunde Fazit ist, bleibt bis heute forschungsstrategisches Postulat: nämlich zu zeigen, warum Marx " der Versuchung nachgibt, der im Prozess der Kapitalakkumulation zunächst entqualifizierten Bewegung eine immanente Dialektik zuzuschreiben, die sie, begründet nur durch den revolutionären Erwartungshorizont einer Verknüpfung von ökonomischer Krise und Aktion des Proletariats, doch wiederum in den sicheren Hafen einer humanen Kontrolle einmünden lässt“.
Es ist eben nicht nur die Erwartungshaltung, sondern die über Hegels Widerspruchsdialektik gewonnene normative geschichtsphilosophischen Prämisse bei Marx, die ihn dazu zwingt, seine Ökonomiekritik paradigmatisch so anzulegen, dass der Widerspruch in mehreren Stufen zum vor-gedachten, theoretisch einzulösenden Ergebnis, nämlich Sozialismus, kommt.
Der Kapitalismus ist bei ihm theoretisch so angelegt, dass er überwindbar ist - unabhängig von der empirischen Welt: es ist die normative Grundlage der Marx´schen Theorie, die aus obiger Prämissen folgt, und dann, in der Theoriegeschichte des Marxismus zum Dogma wird: und dann eine ganze Serie von Marxisten dazu zwingt, im Hypothesenschutzgürtel (Lákatos) jeden Nichteintreten des erwünschten Resultat irgendwie zu begründen, ohne selbst den harten Kern anzutasten: was bei Marx mit seiner Kritik des Gothaer Programms selbst seinen Anfang hat. Es kann also nicht darum gehen, aus der Empirie, die uns keinen Sozialismus beschert hat, Marx zu widerlegen, sondern aus den theorieimmanenten Prämissen den Punkt herauszuarbeiten, der das Theoriegebäude konstituiert, das denn auch logisch stringent aufgebaut ist.
Dass dort der wunde Punkt liegt, wussten auch die kritischen Theoretiker: womit ich zu Adorno und Horkheimer komme, wie im Angesicht der Barbarei gleichsam notwendig sich richten mussten gegen den „säkularisierten Messianismus“ (Horkheimer) , als der sich ihnen der Marxismus entpuppte,“ eine Art Ersatzchristentum (aus dessen Ansatz) alle theoretischen Fehler (resultieren)“, wie Horkheimer, so von Pollock in den „Spänen“ festgehalten, formulierte:
„Es ging um die Vergottung der Geschichte, auch bei den atheistischen Hegelianern Marx und Engels. Der Primat der Ökonomie sollen mit historischer Stringenz das glückliche Ende als ihr immanent begründen“, so Adorno an entscheidender Stelle der Negativen Dialektik und wendet sich mit seiner Kritik gegen die Vernunftkonzeption der Aufklärung an sich: denn „keine Universalgeschichte führt vom Wilden zur Humanität (Natural History bis Bürgertum, dann Sozialismus bei Marx, F.H.), sehr wohl eine von der Steinschleuder zur Megabombe.“ So Recht Adorno mit seiner Marxkritik da hat, so folgt daraus aber keineswegs die globale Verteufelung der Geschichte, wie er sie mit seiner „ negativen Anthropologie“ betreibt.
Der Zweifel Adornos in der Einleitung zu seiner Negativen Dialektik, vielleicht langte die Interpretation nicht zu, die den praktischen Übergang verhieß“ muss radikalisierte werden auf die Frage(Fest-)stellung, ob: dass die Interpretation versagte, weil sie den Übergang verheißen musste, da sie ja dazu angelegt war ! Das trifft Horkheimer: „Zu den großartigen Leistungen von Marx zählt, dass er den verzweifelten Menschen (und sich selbst. F.H.) die Überzeugung gab, dass dieses Ziel nicht nur erreichbar sei, sondern „ wissenschaftlichen als geschichtlich notwendig nachgewiesen werden könnte.“ (GW 12).
Daher ergibt sich das Postulat einer, nicht mehr, wie in den 70er Jahren (letztlich apologetischen) Rekonstruktion der Marxschen Theorie, sondern eine kritische Rekonstruktion im Sinne kritischer, das heißt positiver Überwindung und eben nicht ideologiegeleiteter Destruktion, was bei Hartmann und - ohne es so explizit zu formulieren, -Lange zum großen Teil analytisch durchgeführt wurde.
Das hat die kritische Theorie nicht geleistet, sie hat immer auf dem marxschen Fundament argumentiert, ohne aber die Grundlagen selbst zu hinterfragen. Wo sie, wie hier oben, das tut, wird es zumindest bei Adorno umgekehrt: was bei dem einen zum Himmel auf Erden, wird bei dem andern zur Hölle auf Erden. Abrüstung bedeutet hier nun, die Kontingenz des Geschichtsprozesses zu begreifen und damit eine gelassenere Haltung - was nicht heißt, und da begegne ich gleich dem möglichen Vorwurf des Zynismus, passiv sich demgegenüber zu verhalten, einzunehmen, sowie das Horkheimer am Ende auch tat: mit dem dazu gehörigen Zug der Trauer.
Auf der Ebene der Moderne-Postmoderne-Debatte ergibt sich nach der Zäsur von 1989:
Am Ende jener steht die Erkenntnis, dass es die von der Geschichtsphilosophie motivierte, teleologisch nach vorne oder deterministisch gelenkte Entwicklungslogik nicht gibt, die im „esse per se ipse subsistens“ ruht, vom Weltgeist getragen wird, in der klassenlosen Heilsgesellschaft oder in der kommunikativen Reziprozität vernünftig Handelnder die Vorgeschichte beschließende Gemeinschaft endet.
Eine Dialektik der Abklärung wäre Philosophiegeschichte als Theoriegeschichte einer Depotenzierung: das Naturrecht zuerst mit dann ohne den über allem stehenden Schöpfer, der aufklärerische Rationalismus gibt die Beherrschbarkeit der Welt zum Besten, Hegel depotenziert die positive Religion, Feuerbach das religiöse Verlangen, Marx den philosophischen Idealismus, die kritische Theorie den zur Religion erstarrten Marxismus, Habermas depotenziert die kritische Theorie….
Nicht das unvollendete Projekt der Aufklärung als Habermas´sches Projekt der Moderne ist das Problem, sondern die unvollendete Aufklärung im Sinne von schlicht mangelnder Einsicht und Wissen, was Gemeinschaft, Herrschaft und Gesellschaft ist, die nach der Dialektik der Abklärung erst neu verstanden werden können:
Entscheidend ist die Notwendigkeit der Aufgabe des Evolutionspostulats: es gibt Strukturbrüche in der Universalgeschichte. Das kann erst erkannt und wirklich begriffen werden, wenn keine evolutionäre Kräfte mehr für die e i n e große Theorie gebraucht werden.
Jetzt heißt es zu fragen: was ist und woher kommt Geld, was ist Zins, wie kommt das Privateigentum in die Welt, ohne a priori zu bestimmen: Ware ist Arbeit ist Geld ist Kapital…, weil die Kategorien jeweils so sein müssen wie sie eingeführt werden.
Wenn also abgeklärt wird, dass die klassische Ökonomie und darauf fußend auch die Marx´sche Kritik daran aufgrund ihrer normativen Prämissen wesentliche Einsichten in die Funktionsbedingungen verstellt haben, so heißt dies, dass wir erst heute über ein analytisches Instrumentarium verfügen, welches uns erlaubt, den Wirtschaftsprozess und damit Gesellschaft zu verstehen. Hier setzt die Eigentumsökonomik von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger historisch ein:
Was Peter Sloterdijk in seiner essayistischen Eleganz phänomenologisch mit seinem Begriff der Kinetik beschreibt, ergibt sich bei Heinsohn systematisch aus der Eigentumsökonomik mit der ihr inhärenten Dynamik, die alle Phänomene hervorbringt, die die anderen phänomenologisch bloß erfassen: die Mobilmachung der Beschleunigungsträger Sloterdijk´s ergibt sich aus dem permanenten Innovationszwang, Schuldendeckungsmittel, also geliehenes Geld samt Zins zu erwirtschaften.
War Moderne dadurch gekennzeichnet, dass die Aufklärung angetreten war, den Menschen als Lenker und Beweger seiner Welt zu sich selbst kommen zu lassen, ohne sich in seiner Begrenztheit eingedenk zu sein, Moderne also das tätige Projekt der Verwirklichung dieses Anspruchs, so könnte man es als „postmodernes Wissen“ bezeichnen, dass dieser Anspruch überschüssig war und der Surplus an Anspruch folglich zurückzunehmen ist:
Postmoderne ist heute insofern eine Suchbewegung im Sinne Albrecht Wellmers (Coda), als Aufklärung sich ohne Metaphysik neu zu reflektieren hat. Postmodern ist der Impuls, doch das Neue anzusetzen, aber nicht gegen die Vernunft, sondern mit einer auf ihr heilsames Maß zurückgeschraubten, abgeklärten, realistischen Vernunft, der bewusst geworden ist, dass die Erde weder Paradies noch Hölle, sondern nur ein kurzfristig zu bewohnender Hort ist, ohne uns Heimat zu werden im Bloch´schen Sinn: wobei dann möglicherweise doch die Metaphysik in der Seinsfrage nach einer Heidergger´schen Version relevant würde, sich nach einer Heidegger´schen Linken akut würde. Die Wahrheit der Metaphysik liegt in ihrem Bedürfnis – eben weil der Hort nur Hort bleibt. Akzeptierte man das aber unhintergehbar, die vielleicht wird er dann doch zu wohnlichen Heimstätte ?
Die entscheidende Gewissheit, von der wir heute wohl alle ausgehen können, scheint die zu sein, dass wir keiner e i n e n g r o ß e n Erzählung mehr glauben können. Die große Erzählung vom Urmenschen mit der Keule, der sich entwicklungsgeschichtlich hoch und durcharbeitet zum Anzug tragenden Bewohner einer europäischen Metropole kann getrost als Mär ad acta gelegt werden. Der große Mythos der Evolution beziehungsweise der evolutionären Lehre von der Entwicklung des Lebens und der Arten, welche am Beginn des sozialwissenschaftlichen Denkens auch auf die Theorie der sozialen Evolution der Menschheitsgeschichte übertragen wurde gerät zum Menetekel europäischen Fortschritts-denkens, das im wesentlichen unser wissenschaftliches Bild noch heute prägt.
Wer neu nachdenken will, muss genau hier ansetzen. Gunnar Heinsohn hat denn auch in seinen verschiedenen Studien zur Zivilisationstheorie die drei oben genannten Formen des Zusammenlebens von Menschen auf den Begriff gebracht:
• Stammesgesellschaft, die auf Reziprozität beruht mit der neuen soziologischen Überschrift: Gemeinschaft
• Feudalismus mit seinen historischen Erscheinungen als antiker Priester-Feudalismus, dem mittelalterlichen Feudalismus und der modernen Variante des Sozialismus, mit der neuen soziologischen Überschrift: Herrschaft
• Die Privateigentumsgesellschaft in ihrer antiken kaufsklavenkapitalistischen und ihrer neuzeitlichen Variante mit freien Lohnarbeitern mit der neuen soziologischen Überschrift: Gesellschaft.
Diese Neuaufteilung der Soziohistorie in Gemeinschaft, Herrschaft und Gesellschaft bedeutet im Kern, dass diese drei Formationen nacheinander aber auch nebeneinander bestanden haben oder bestehen können und dass sie in ihrer ökonomischen Funktionsweise wesentlich unterscheiden. Dabei bedeuten die unterschiedlichen Wesensmerkmale, dass die eine Gesellschaftsformationen nicht bruchlos in die andere übergehen kann und umgekehrt. Einen- wie von der Lehre der sozialen Evolution unterstellt – graduellen Übergang der einen Gesellschaftsformationen in die andere gibt es gerade nicht.
Dieses wiederum bedeutet, dass man sich jede Formation eigenständig ansehen muss und es gerade auf den Zivilisationsbruch, beziehungsweise wie sich der Übergang von der einen zur anderen Formationen vollzieht, ankommt.
In seinen Publikationen, die er teilweise mit Otto Steiger geschrieben hat
• 1979(mit Otto Steiger et al.)
Menschenproduktion: Allgemeine Bevölkerungstheorie der Neuzeit (suhrkamp)
• 1984
Privateigentum, Patriarchat, Geldwirtschaft (suhrkamp)
• 1995
Warum Auschwitz. Hitler´s Plan und die Ratlosigkeit der Nachwelt (rororo)
• 1996 (mit Otto Steiger)
Eigentum, Zins und Geld (Rowohlt)
• 1997
Die Erschaffung der Götter. Das Opfer als Ursprung der Religion (Rowohlt)
• 2000
Wie alt ist das Menschengeschlecht (mantis)
• 2003
Söhne und Weltmacht. Terror im Aufstieg und Fall der Nationen (orell füssli)
• 2006 (mit Otto Steiger)
Eigentumsökonomik (metropolis)
beleuchtet Gunnar Heinsohn sowohl die Zivilisationsbrüche als auch die jeweiligen Formationen menschlichen Zusammenlebens in einer Weise, die deswegen neu und revolutionär ist, weil sie eben bewusst darauf verzichtet, eine allgemeine Theorie der Gesellschaft oder der Zivilisation geben zu wollen.
Der Bogen der zivilisationstheoretischen Untersuchungen spannt sich von der Entstehung des Homo sapiens, dem ökonomischen Überlebensmechanismus der Stammesgesellschaft, der Entstehung von Opferkulten und feudalem Priestertum am Beginn der Frühantike sowie der daraus entstehenden Religion, über das In-die-Welt-Kommen des Privateigentums und damit von Zins und von Geld über das monogame Patriarchat der okzidentalen Antike, bis zur massentotbringenden Geburtenkontrolle der frühen Neuzeit bis zur europäischen Bevölkerungsexplosion und der Verbreitung der europäischen Zivilisation auf der Grundlage der eigentumsbasierten Geldwirtschaft samt Zinsdruck, technischen Fortschritt und zahlreicher überschüssiger Söhne. Dieses Wissenschaftsprogramm beschreibt den Beginn einer Aufklärung, II. Teil.
Dipl.-Pol. Frank-C. Hansel
Eisenacher Str. 3
D-10777 Berlin
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