Gewerkschaften rufen das Ende der Bescheidenheit aus

Berlin (Reuters) - Angesichts des Aufschwungs rufen die Gewerkschaften das Ende der Bescheidenheit aus und fordern für die Beschäftigten wieder ein größeres Stück vom Kuchen.

Für die Stahlindustrie peilt die IG Metall nach dem Ende der Krise eine Lohnforderung zwischen 4,5 und acht Prozent an. Für die rund 3,4 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie plädiert die Gewerkschaft für eine vorgezogene Lohnerhöhung auf Februar statt April 2011. Die Arbeitgeber reagierten darauf gelassen. "Ob die Tariferhöhung um zwei Monate vorgezogen wird, das wird in den Betrieben entschieden", sagte ein Sprecher des Verbandes Gesamtmetall am Donnerstag.

Bisher hatte in den Tarifrunden der Metall- und Chemieindustrie in diesem Jahr wegen der Krise die Beschäftigungssicherung im Vordergrund gestanden. Die Gewerkschaften waren jeweils ohne konkrete Lohnforderung in die Gespräche gegangen. Inzwischen scheint die Krise überwunden und die Industrie, die 2009 noch unter der Rezession ächzte, steht an der Spitze des Aufschwungs. Die gesamte Wirtschaftsleistung zog im Frühjahr um 2,2 Prozent an und damit so stark wie seit rund zwei Jahrzehnten nicht mehr.

"KRISE WAR GESTERN"

Anfang September beginnen die Tarifgespräche für die rund 85.000 Beschäftigten der Stahlindustrie in der Schlüsselregion Nordwestdeutschland. "Wir halten das für die erste Tarifrunde in der Nachkrisenzeit. Die Krise war gestern", sagte der nordrhein-westfälische IG Metall-Chef Oliver Burkhard am Mittwochabend in Düsseldorf. "Jetzt erwarten wir, dass die Beschäftigten auch wieder ihren Anteil bekommen." 2008 hatten die Arbeitnehmervertreter zum Auftakt der Gespräche acht Prozent mehr Lohn gefordert, voriges Jahr 4,5 Prozent. "Irgendetwas dazwischen wird es werden", sagte Burkhard. Am Freitagnachmittag will die Tarifkommission darüber entscheiden. Die Arbeitgeber lehnten einen Kommentar ab.

Auch die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie sollen nach Gewerkschafts-Ansicht schneller vom Aufschwung profitieren. Die Löhne könnten bereits zum Februar und nicht erst zum April 2011 um 2,7 Prozent steigen, sagte der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel, der "Süddeutschen Zeitung". Ob diese Klausel genutzt werde, liege jedoch bei den Betriebsräten, räumte Wetzel ein. Der Beginn dieser Tariferhöhung im April kann durch Betriebsvereinbarungen um zwei Monate vorgezogen oder hinausgezögert werden.

Ein Arbeitgeber-Sprecher machte dazu klar: "Das beschließen die Betriebsparteien und nicht die IG Metall oder Gesamtmetall." Zudem stelle sich diese Frage erst im Frühjahr 2011. Derzeit könne niemand abschätzen, wie die Lage in den einzelnen Betrieben dann sei. Noch habe die Branche nicht zu alter Stärke zurückgefunden. Der Auftragseingang müsste um zwölf Prozent wachsen und die Produktion um 15 Prozent zulegen, um das Niveau von vor der Krise zu erreichen, sagte der Sprecher.

Verdi-Chef Frank Bsirske rief die Arbeitgeber auf, "die Löhne hierzulande nicht länger als reine Kostenfaktoren" zu betrachten. Sie seien eher ein Instrument, um die Nachfrage anzukurbeln, sagte Bsirske der "Süddeutschen Zeitung".

Vor wenigen Tagen erst hatte sich die Wirtschaft besorgt gezeigt vor möglichen Forderungen nach allzu kräftigen Lohnerhöhungen angesichts der unerwartet lebhaften Erholung. Derzeit müsse alles verhindert werden, was den Aufschwung bremse, hatte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt erklärt.



Quelle: Reuters (19. August 2010)

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Erschienen 19. August 2010 bei http://www.reuters.com.

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