Geglückte (Re-)Sozialisierung
am 18.01.2006 von strafblog
Heute Mittag auf dem Rückweg vom Gericht zur Kanzlei: Die Frau, die mir entgegenkommt und mich freundlich grüßt, kommt mir bekannt vor. Einordnen kann ich sie aber nicht. Guten Tag, Herr Pohlen, sagt sie, wissen Sie noch, wer ich bin? Dann nennt Sie ihren Namen. In meinem Gedächtnis klingelt etwas. Stimmt, jetzt erinnere ich mich, vor vielen Jahren habe ich den Sohn der Frau mehrfach verteidigt. Es ging zumeist um Körperverletzungsdelikte in der Fußball-Hooligan-Szene, auch schon mal um die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Oragnisationen (Hitlergruss und Ähnliches). Zumeist spielte Alkohol bei den Taten eine Rolle. Der Junge war eigentlich ganz in Ordnung, aber so ein Herdentier, das mitzog, mitbrüllte und mitschlug, wenn es angesagt war. Ich habe damals viele Gespräche mit ihm geführt und mehrfach mit viel Überzeugungsarbeit Bewährungsstrafen erreichen können, die in Anbetracht der einschlägigen Vorstrafen schon fast Gnadenerweisen gleichkamen.
Stellen Sie sich vor, sagt die Frau, seit 10 Jahren ist nichts mehr vorgefallen. Der Junge ist verheiratet und hat 2 Kinder. Er hat sich gerade mit einer eigenen Firma selbstständig gemacht und meistert das Leben mit Bravour. Das hat er auch Ihnen zu verdanken. Mutterstolz und Freude leuchtet aus ihren Augen.
Wir wechseln noch ein paar freundliche Worte, dann setze ich meinen Weg fort. Jetzt sitze ich vor einem Berg Akten am meinem Schreibtisch und versuche, die Arbeit zu sortieren. Ich merke, dieses kurze Gespräch auf der Straße hat mir gut getan.
Autor: RA Rainer Pohlen
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