Fristlose Kündigung trotz möglicher Schuldunfähigkeit

Auch schuldlose Pflichtverletzungen des Arbeitnehmers können ausnahmsweise einen wichtigen Grund zur fristlosen Kündigung darstellen.

In einer jetzt vom Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein entschiedenen Kündigungsschutzklage war der 52-jährige Kläger bei der Beklagten, einem Zuliefererbetrieb für die Automobilbranche, seit 1986 als Sachbearbeiter beschäftigt. Seit der Trennung von seiner Familie befand sich der Kläger kurzfristig Mitte 2008 in ambulanter psychologischer Behandlung. Von Ende 2008 bis Mitte 2009 war er aufgrund eines psychischen Zusammenbruchs arbeitsunfähig. Am 8. Februar 2010 ermahnte die Beklagte den Kläger, seine fortlaufenden anzüglichen Bemerkungen gegenüber dem weiblichen Personal zu unterlassen. Als der Kläger zwei Tage später die mit ihm im Großraumbüro zusammen tätige Vorgesetzte und weitere Arbeitnehmerinnen mit den Worten „Besser eine Frau mit Charakter als drei Schlampen“ beleidigte, mahnte die Beklagte ihn ab.

Am 25. Februar 2010 forderte der Kläger seine Kollegen und Kolleginnen trotz der Mittagspause auf, zu bleiben, da er gleich eine „Bombe platzen“ lassen würde. Als seine Vorgesetzte erschien, behauptete er, dass sie die Nacht bei einem Geschäftspartner verbracht habe. Er habe ihr Auto gesehen und sie, die Vorgesetzte, wisse ja, dass der Mann HIV-positiv sei und was sie sich damit jetzt eingefangen habe. Sowohl die Vorgesetzte als auch der Mann stritten dies ab und stellten gegen den Kläger Strafanzeige wegen Verleumdung. Die Beklagte kündigte dem Kläger aufgrund dieses Vorfalles fristlos.

Die hiergegen gerichtete Kündigungsschutzklage wies das Arbeitsgericht Neumünster zurück. Im Berufungsverfahren wandte der mittlerweile unter Betreuung stehende Kläger lediglich ein, dass während eines Klinikaufenthalts im April und Mai 2010 festgestellt worden sei, dass er manisch-depressiv sei und auch am 25.02.2010 schuldlos gehandelt habe. Das Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein sah die fristlose Kündigung gleichwohl als berechtigt an und wies die Berufung des Klägers zurück.

Es komme nicht darauf an, so das Landesarbeitsgericht in seinen Urteilsgründen, ob die Vorgesetzte tatsächlich bei dem Geschäftspartner übernachtet hat, denn aufgr…

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches

Themen: Schleswig Holstein , Kurzfristig , Hiv , Verhaltensbedingte Kündigung , Fristlose Kündigung , Schuldunfähigkeit
Rechtsgebiet: Arbeitsrecht

Erschienen 20. Juni 2011 auf http://www.rechtslupe.de.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

LAG Schleswig-Holstein: Fristlose Kündigung wirksam trotz möglicher Schuldunfähigkeit

Arbeitsrecht & Mediation Berlin | 20. Juni 2011 — 1. Eine schuldlose Pflichtverletzung (Beleidigung einer anderen Arbeitnehmerin) des Arbeitnehmers kann ausnahmsweise einen wi…

Psychische Erkrankung entschuldigt vieles – aber auch nicht alles!

Betriebsrat Blog | 26. August 2011 — So kam auch das Ergebnis eines Urteils des Landesarbeitsgerichts Schleswig-Holstein (vom 9.6.2011, AZ: 5 Sa 509/10) zustande: E…

Fristlose Kündigung ausnahmsweise auch ohne Verschulden möglich

beck-blog | 21. Juni 2011 — Dass auch schuldlose Pflichtverletzungen des Arbeitnehmers ausnahmsweise einen wichtigen Grund zur verhaltensbedingten Arbeit…

Pommes frites und 2 Frikadellen – und das Arbeitsverhält hält

Rechtslupe | 5. November 2010 — Und wieder ein Urteil in einem “Emmely“-Nachfolgeverfahren, diesmal vom Landesarbeitsgericht Hamm. Der im Jahre 1959 geborene…

Wer seinen Chef beleidigt, muss nicht immer gleich fliegen!

Rechtsanwalt Arbeitsrecht Berlin Blog | 3. August 2009 — Wer seinen Chef beleidigt, muss nicht immer gleich fliegen! Dies entschied nun das Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstei…

LAG SH: Bedrohung und Beleidigung gegenüber Kollegen kann zur fristlosen Kündigung des Arbeitsverhältnisses führen

anwalt-kiel.com | 27. Januar 2010 — Das Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein in einem Urteil vom 21.10.2009 – Aktenzeichen 3 Sa 224/09 – entschieden, dass wer s…

Fristlose Kündigung wegen des Verzehrs von Patientenessen unwirksam

Kanzlei Kluge | 19. November 2010 — Der Kläger arbeitete als Krankenpflegehelfer bereits seit knapp 20 Jahren in einer psychiatrischen Fachklinik. Das Arbeitsverhä…

Manipulierte Zeiterfassungsdaten

Rechtslupe | 10. Juni 2011 — Wer Zeiterfassungsdaten manipuliert, riskiert seinen Arbeitsplatz: Eine systematische Manipulation von Zeiterfassungsdaten erwe…

Bei grober Beleidigung Kündigung auch ohne Verschulden

Arbeitnehmeranwalt Stühler-Walters | 27. Juli 2011 — In meinem letzten Beitrag (http://stuwal.blog.de/2011/07/25/drei-abmahnungen-kuendigung-11540839/) hatte ich mich über die nich…

LAG Schleswig-Holstein bestätigt den Grundsatz. “Wer Zeiterfassungsdaten manipuliert, riskiert seinen Arbeitsplatz”

Arbeitsrecht & Mediation Berlin | 17. Juni 2011 — 1. Eine systematische Manipulation von Zeiterfassungsdaten erweist sich als schwerwiegende arbeitsvertragliche Pflichtverletzun…