Freispruch im 5. Anlauf
am 26.04.2006 von strafblog
Heute hat es endlich geklappt. Im 5. Anlauf ist das Amtsgericht Mönchengladbach endlich zu einer erstinstanzlichen Entscheidung gekommen, und dass es dann noch ein Freispruch für beide Angeklagte war, hat mich als Verteidiger doppelt gefreut. Tatvorwurf: Gemeinschaftlich begangener Betrug. Die beiden Angeklagten sollen einem Pfandleiher eine gefälschte Luxusuhr der Marke Patek Philippe nebst gefälschter Kaufquittung über 10.000 Euro und Echtheitszertifikat angedreht und hierfür knapp 3.000 Euro kassiert haben. Die Fälschung fiel erst Wochen später auf, nachdem der Pfandleiher die Uhr an einen Dritten verkauft hatte. Die Angeklagten tischten dem Gericht völlig unterschiedliche Versionen auf. Während der eine sagte, der andere habe ihn gegen ein geringes Entgelt gebeten, die Uhr beim Pfandleiher zu hinterlegen, da er selbst seinen Personalausweis vergessen habe, meinte der andere, er sei überhaupt erst im Nachhinein über Dritte in den Besitz des Pfandscheins gelangt und habe gar nicht gewusst, wer die Uhr als Pfand hinterlegt habe. Die Geschichte ist noch viel komplizierter, aber das würde den Umfang des Blogbeitrags sprengen. Jedenfalls waren beide sich darin einig, dass sie nicht gewusst hätten, dass die Uhr gefälscht war. Das sah der Staatsanwalt als widerlegt an, auch wenn er das aus meiner Sicht nicht näher begründen konnte. Und der eine hätte den anderen nur deshalb vorgeschickt, weil er eben wusste, dass es sich um eine Fälschung handelte. Warum der andere dann aber in diesem Wissen die gefälschte Uhr unter Vorlage seines Personalausweises beim Pfandleiher vorlegte, konnte der Staatsanwalt auch nicht so richtig begründen. Jedenfalls stank das Ganze irgendwie zum Himmel.
Ich habe ziemlich lange plädiert. Habe auf die Widersprüche in den Aussagen hingewiesen, auf die pseudologische Argumentation der Staatsanwaltschaft, auf den Grundsatz in dubio pro reo und dass ich letztlich auch keine Ahnung hätte, was eigentlich wirklich passiert sei. Ich hätte keine subjektive Überzeugung von der Unschuld meines Mandanten oder des Mitangeklagten, aber genausowenig sei ich von deren Schuld überzeugt. Und wenn einer von beiden schuldig sei, dann wisse ich jedenfalls nicht, wer. Und dass beide schuldig seien, dass halte ich für wenig wahrscheinlich, so, wie die sich gegenseitig in die Pfanne gehauen haben. Und überhaupt ...
Die Richterin hat sich nach den Plädoyers zur Beratung mit sich selbst zurückgezogen. Das passiert selten, aber die Situation war wirklich konfus. Und dann hat sie freigesprochen, und zwar beide Angeklagte, weil sie sich auf nichts einen Reim machen konnte. Und weil sie jedenfalls auch nicht nachweisen konnte, dass die Angeklagten die fehlende Echtheit der Uhr nebst Papieren erkannt hatten, wenn schon der Pfandleiher nicht dazu in der Lage war. Auch, wenn sie beiden Angeklagten eigentlich kein Wort geglaubt hat, oder jedenfalls fast kein Wort, wie sie betonte.
Die Staatsanwaltschaft wird wohl Berufung einlegen, weil es ja irgendwie unbefriedigend ist, wenn man so gar nicht weiß, was stattgefunden hat und wer´s eigentlich schuld war. Ich habe so meine Zweifel, dass im Berufungsverfahren Licht ins Dunkel kommt. Aber als Verteidiger kann ich ganz gut damit leben, ich habe da einfach eine andere Position ...
Autor: RA Rainer Pohlen
Kanzlei POHLEN + MEISTER
Haftbefehl im 4. Anlauf
strafblog / Heute morgen um 9:00 Uhr im Amtsgericht Mönchengladbach: Vierter Anlauf in einem Betrugsverfahren um eine gefälschte Patek-Philippe-Uhr. Beim ersten Mal fehlte ein Zeuge, so dass die Sache vertagt werden musste. Beim zweiten Mal hatte sich ein Mita…
Unvernünftiger Richter erklärt den Grundsatz “Im Zweifel für den Angeklagten”
strafblog / Wenn es nach den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Nebenklage geht, dann waren die Richter der zuständigen Berufungskammer des Landgerichts Mönchengladbach ausgesprochen unvernünftig, als sie - wie soeben geschehen - die beiden Angeklagten vom…
Freispruch mit Verzögerung im Brandstifterprozess
strafblog / Das hat gedauert. In meinem Mönchengladbacher Brandstifterprozess, über den ich letzte Woche bereits mit dem Resümée gebloggt hatte, dass es nach Freispruch rieche, ging es heute noch mal zur Sache. Und zwar mit einem neuen Staatsanwalt, weil die…
Anwalt gegen Mandant
LawBlog / Das muss ein erhebendes Gefühl sein, wenn der eigene Anwalt nicht hinter einem steht. In Braunschweig passiert das gerade, wie der Kollege Werner Siebers berichtet. Nach seinen bisherigen Beiträgen hat sich Folgendes ereignet: Ein Angeklagter ist i…
In dubio pro reo - Freispruch für den Angeklagten
strafblog / Spannend war´s heute am 3. Verhandlungstag vor der Berufungskammer in einem Verfahren wegen Gefangenenbefreiung und Betrug. Der Angeklagte soll laut Anklage einem zu lebenslanger Haft verurteilten Verwandten anlässlich eines begleiteten Ausgangs zu…
Die Geschichte mit der Möhre
strafblog / Heute war der 4. Verhandlungstag im einem Berufungsverfahren vor dem hiesigen Landgericht. Es geht um Vergewaltigung der Ehefrau in 2 Fällen, davon einmal mittels einer Möhre. Erstinstanzlich war der Mandant, damals noch anderweitig verteidigt, nac…
Betroffenheit nach Freispruch im Missbrauchsprozess
strafblog / Gar nicht glücklich sondern eher betroffen reagierte heute nachmittag ein Mandant, nachdem das Landgericht in einem Berufungsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs den erhofften Freispruch verkündet hatte. Natürlich sei er froh über den Prozessaus…
Lehrstunde der Beweiswürdigung
Strafprozesse und andere Ungereimtheiten / Ein Zeuge hatte in seinem eigenen Verfahren bei der Polizei berichtet, dass er mit seinem Koffer von A nach B gefahren sei, um dort von dem jetzigen Angeklagten BTM abzuholen, in den Koffer zu packen und wieder nach A zurückzufahren. Leicht verstän…
