Europarechtler gesucht: Lässt sich der EU-Zwang zur Vorratsdatenspeicherung aufheben?

Die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung zwingt aktuell alle EU-Mitgliedsstaaten, die Verbindungsdaten sämtlicher Bürger ohne Verdacht „auf Vorrat“ speichern zu lassen. Im Sommer baten 44 europäische Nichtregierungsorganisationen die EU-Kommission, an die Stelle der EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung ein europaweites Verbot anlassloser Vorratsdatenspeicherung zu setzen. Sollte dies nicht mehrheitsfähig sein, solle die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung nur noch für Staaten gelten, deren Parlamente und Verfassungsgerichte überhaupt Telekommunikationsdaten ohne Anlass auf Vorrat speichern lassen wollen, und sollten diesen Staaten enge Grenzen gesetzt werden.

Aus Brüssel hört man nun Erstaunliches: Der letztgenannte „Kompromissvorschlag“ werde in die aktuell laufende Abschätzung der Folgen unterschiedlicher Handlungsmöglichkeiten der EU-Kommission (impact assessment) nicht einbezogen, weil ihn der Juristische Dienst der EU-Kommission als unzulässig bezeichnet habe mit der Begründung, den Mitgliedsstaaten dürfe die Anwendung einer EU-Richtlinie nicht freigestellt werden.

Diese Rechtsmeinung ist hanebüchen: Es geht nicht darum, die Anwendung einer EU-Richtlinie freizustellen, sondern die Richtlinie soll sich darauf beschränken, nationale Gesetze zur Vorratsdatenspeicherung zu harmonisieren, wo sie existieren.

Dass dies zulässig ist, ergibt sich schon aus dem früheren Artikel 15 RiL 2002/58/EG, der den Mitgliedsstaaten – optional – gestattete, Daten aufbewahren zu lassen, und der bestimmte Grenzen nur für diesen Fall definierte (nur „aus den in diesem Absatz aufgeführten Gründen“, nur „während einer begrenzten Zeit“).

Ein weiteres Beispiel solcher „alternativen Harmonisierung“ ist die Entscheidung 2003/641/EG, die den Gebrauch von Bildern als Gesundheitswarnung auf Zigarettenpackungen nur für solche Mitgliedsstaaten harmonisiert, die den Abdruck solcher Bilder vorschreiben. Artikel 1 Abs. 3 dieser Entscheidung lautet: „Where Member States require health warnings in the form of colour photographs or other illustrations, these shall be in accordance with the rules established by this Decision.“ Dies entspricht genau dem Harmonisierungsmodell, das wir für die Vorratsdatenspeicherung – hilfsweise – ins Spiel gebracht haben.

Wir dürfen nicht zulassen, dass sich die EU-Kommission bei der laufenden Überarbeitung der Richtlinie unter Berufung auf vermeintliche Rechtszwänge nicht einmal mit der Möglichkeit auseinandersetzt, eine Vorratsdatenspeicherung wenn nicht schon EU-weit zu verbieten, dann…

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches
  • Links

Themen: Juristisches , Datenschutz IM Staatssektor , Metaowl-watchblog , Vorratsdatenspeicherung , Eu-binnenmarktkompetenz

Erschienen 21. Dezember 2011 auf http://www.daten-speicherung.de.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Europarechtler gesucht: Lässt sich der EU-Zwang zur Vorratsdatenspeicherung aufheben? [ergänzt am 11.01.2012]

Daten-Speicherung.de - minimum data, maximum privacy | 21. Dezember 2011 — Die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung zwingt aktuell alle EU-Mitgliedsstaaten, die Verbindungsdaten sämtlicher Bürger o…

EU-Länder hinken mit Vorratsdatenspeicherung hinterher

Telekommunikation und Recht | 5. Januar 2008 — 19 EU-Mitgliedsstaaten wurden von der EU-Kommission offiziell gemahnt, weil sie die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung von …

EU-Kommission begrüßt das Urteil zur Vorratsdatenspeicherung

Reuters | 3. März 2010Berlin (Reuters) - Die EU-Kommission hat positiv auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Datenvorratsspeicherung…

AK Vorratsdatenspeicherung: Internes Dokument der EU-Kommission belegt Rechtswirklichkeit

beck-blog | 14. Januar 2012 — Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung (AK Vorrat) drängt auf ein sofortiges Ende der Vorratsdatenspeicherung. Deutschland …

EU III.: Kommission berichtet über Vorratsdatenspeicherung

JIPS News | 21. April 2011 — Die europäische Kommission hat in dieser Woche ihren Bericht über die Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung vorgelegt. Darin b…

Gegenwind für die Vorratsdatenspeicherung

Internet-Law | 16. März 2009 — Das Verwaltungsgericht Wiesbaden hält die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung nicht mit dem primären Gemeinschafstrecht für …

Europäischer Gerichtshof zur Vorratsdatenspeicherung

kLAWtext | 10. Februar 2009 — Aus eher formellen Gründen musste sich der Europäische Gerichtshof (EuGH) mit der Richtlinie zur auch in Deutschland umstrittenen …

Diskussion ohne Grundlage?

Das Cybercrime Blog | 7. April 2011 — Bis heute haben 23 der 27 Staaten der EU die Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung aus dem Jahr 2006 umgesetzt. In einzelnen …

Schriftsatz an den EuGH gegen die Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung

IP|Notiz | 21. Mai 2008 — Berufsverbände und Bürgerrechtsorganisationen aus über 11 EU - Mitgliedsstaaten fordern den EuGH mittels Schriftsatz auf, die …

Europäische Kommission will Pflicht zur Vorratsdatenspeicherung neu prüfen

dennisheinemeyer.eu | 28. Februar 2010 — Kurz vor dem am Dienstag erwarteten Urteil zur Vorratsdatenspeicherung des Bundesverfassungsgerichts hat die Kommission der Eur…

EUROPA - Announcement: The address you requested is obsolete

Europa provides an access to information (press releases, legislation, fact-sheets) published by the European Union and its institutions: European Parliament, Council of the EU, European Commission, Court of Justice, Court of Auditors, Economic and Social Committee, Committee of the Regions, European Central Bank, European Investment Bank, Agencies and other Bodies. Web site in 11 languages: Spanish, Danish, German, Greek, English, French, Italian, Dutch, Portuguese, Finnish and Swedish