Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte muss zwischen der Pressefreiheit der Axel Springer AG (Art.10 EMRK) und der Achtung des Privat- und Familienlebens Prominenter (Art.8 EMRK) abwägen

Am 13.10.2010 verhandelte die Große Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) zwei Fälle, die wegweisend für künftige Abwägungen zwischen Pressefreiheit und Persönlichkeitsrechten sein könnten.

Der eine Fall beleuchtet das Verhältnis von nationalem und europäischem Grundrechtsverständnis und wirft die Frage auf, ob die die Vorgaben des EGMR von den deutschen obersten Gerichten hinreichend berücksichtigt werden.

Kläger sind die Eheleute Prinzessin Caroline und Prinz Ernst August von Hannover. Diese waren und sind immer wieder Objekte der Boulevard-Berichterstattung. Die Prinzessin hatte sich seit den frühen 90er-Jahren durch die Instanzen gekämpft und schließlich im Juni 2004 vor dem EGMR eine die deutsche Prominenten-Rechtsprechung erschütternde Entscheidung erwirkt. In Caroline von Hannover gegen Deutschland (Beschwerde-Nr. 59320/00 – NJW 2004, S.2647) hatte der Gerichtshof den von der deutschen Rechtsprechung über Jahrzehnte entwickelten und angewandten Begriff der “absoluten Person der Zeitgeschichte” kritisiert und als nicht ausreichend zum wirksamen Schutz des alltäglichen Privatlebens Prominenter verworfen.

In einer auf diese EGMR-Entscheidung von 2004 folgenden Entscheidung des Bundesgerichtshofs (Urteil vom 6. März 2007 – VI ZR 13/06 – AfP 2/2007, S.121) versuchte dieser, die Vorgaben des EGMR umzusetzen, ohne dabei das Konzept der “Person der Zeitgeschichte” aufzugeben: Demnach sollte die Veröffentlichung von Bildern aus dem Privatleben eines Prominenten – an welchem für sich genommen nunmehr kein allgemeines Informationsinteresse der Öffentlichkeit bestehen soll – ausnahmsweise dann zulässig sein, wenn diese Bilder einen inhaltlichen Bezug zu einem relevanten zeitgeschichtlichen Geschehnis aufweisen. Laut BGH war es demnach zulässig, das Prinzenpaar beim Skiurlaub zu zeigen – Privatleben – , welchen dieses angetreten hatte, um sich von den mit der schweren Erkrankung des damaligen Fürsten von Monaco – zeitgeschichtliches Geschehnis – verbundenen Strapazen zu erholen.

Diese Entscheidung ging der Prinzessin nicht weit genug. Ihre Verfassungsbeschwerde gegen die BGH-Entscheidung scheiterte im Februar 2008, eine weitere Beschwerde wurde am 16. Juni 2008 vom Bundesverfassungsgericht ohne nähere Begründung abgewiesen.

Mit dem jetzt laufenden Verfahren wendet sich Caroline von Monaco gegen diese deutsche Rechtsprechung. Fraglich ist, wie sich der EGMR zur Bindung deutscher Gerichte an die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK)…

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches

Themen: Deutschland , Pressefreiheit , Journalismus , Beschwerde , Caroline Von Hannover , Prinz Ernst August , Afp , Njw , Axel Springer AG , Boulevard , Ernst August Von Hannover , Art 8 Emrk , Fotografie , Basiswissen

Erschienen 15. Oktober 2010 auf http://www.presserecht-aktuell.de.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Caroline Rechtsprechung: BGH folgt der Caroline-Rechtsprechung des EGMR

LBR-Blog | 6. März 2007 — Welch ein Aufschrei ging durch den Blätterwald, als der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) 2004 die von der deutsch…

Prozessdauer: Überlange Prozessdauer

Blickpunkt Recht & Steuern | 8. September 2006 — Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg hat entschieden, dass Deutschland gegen Artikel 13 (Recht au…

Geschwisterinzest: Vater legt Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ein

beck-blog | 26. November 2008 — Der wegen Inzests mehrfach verurteilte Vater von vier Kindern aus Leipzig, der auch mit seiner Verfassungsbeschwerde keinen E…

Der EGMR stärkt der deutschen Presse den Rücken

Lampmann, Haberkamm & Rosenbaum | 16. Februar 2012 — Der EGMR urteilte am 07.02.2012 gleich zweimal zum Thema Menschenrechtsverletzungen durch die Presse und entschied beide Male z…

EGMR zur Berichterstattung über das Privatleben Prominenter

De lege lata | 7. Februar 2012 — Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat heute zwei Urteil der Großen Kammer betreffend Deutschland verkündet. Be…

LAG Düsseldorf weist Antrag des Kirchenmusikers auf Wiederaufnahme seines Verfahrens aus formalen Gründen ab und läßt die Revision…

Arbeitsrecht & Mediation Berlin | 5. Mai 2011 — Keine Wiederaufname des Verfahrens des gekündigten Kirchenmusikers, trotz geänderter Vorschriften über die Möglichkeit der Wi…

Keine Anrufung der Großen Kammer des EGMR

Jurabilis | 1. September 2004 — In Sachen "Caroline" wird die Bundesregierung kein Rechtsmittel einlegen. Das teilte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD)…

Haben Prominente Rechte - ein weiteres Caroline-Urteil

maas_rechtsanwälte | 30. April 2007 — Der Bundesgerichtshof hat kürzlich die Urteilsgründe einer weiteren Entscheidung im Zusammenhang mit der umfangreichen Ausein…

Berichterstattung über das Privatleben Prominenter

Rechtslupe | 7. Februar 2012 — Die Veröffentlichung von Artikeln bzw. Fotos, die das Privatleben prominenter Personen darstellen, sind zulässig und verstoßen …

Egmr Deutschland: Sind die Urteile des EGMR in Deutschland nicht ver

staatsrecht.info | 20. Oktober 2004 — Sind die Urteile des EGMR in Deutschland nicht verbindlich? ....fragt sich mancher nach dem neuesten Beschluss des Bundesverfassun…