EuGH: generelle Internetsperre mit Unionsrecht nicht vereinbar

In der Rechtssache C-70/10 Scarlet Extended hatte sich der EuGH mit der Frage zu befassen, ob eine gerichtliche Anordnung an einen Internet Provider, seinen Kunden generell den Zugang zu urheberrechtlich geschützten Daten aus dem Repertoire einer Verwertungsgesellschaft zu verunmöglichen, mit dem Unionsrecht vereinbar ist. In seinem heutigen Urteil folgt der EuGH den Schlussanträgen des Generalwalts und ist zum Ergebnis gekommen, dass das Unionsrecht einer derartigen generellen Anordnung entgegensteht. Konkret hat der EuGH ausgesprochen, dass die Richtlinien 2000/31/EG (E-Commerce RL), 2001/29/EG (Urheberrecht-HarmonisierungsRL), 2004/48/EG (Urheberrecht-DurchsetzungsRL), 95/46/EG (DatenschutzRL) und 2002/58 (DatenschutzRL für elektronische Kommunikation) "in Verbindung miteinander und ausgelegt im Hinblick auf die sich aus dem Schutz der anwendbaren Grundrechte ergebenden Anforderungen, [...] dahin auszulegen [sind], dass sie der Anordnung an einen Anbieter von Internetzugangsdiensten entgegenstehen, ein System der Filterung – aller seine Dienste durchlaufenden elektronischen Kommunikationen insbesondere durch die Verwendung von „Peer-to-Peer“-Programmen, – das unterschiedslos auf alle seine Kunden anwendbar ist, – präventiv, – auf ausschließlich seine eigenen Kosten und – zeitlich unbegrenzt einzurichten, das in der Lage ist, im Netz dieses Anbieters den Austausch von Dateien zu identifizieren, die ein Werk der Musik, ein Filmwerk oder audiovisuelles Werk enthalten, an denen der Antragsteller Rechte zu haben behauptet, um die Übertragung von Dateien, deren Austausch gegen das Urheberrecht verstößt, zu sperren. Nun überrascht nicht wirklich, dass der EuGH den ausführlich begründeten Schlussanträgen von Generalanwalt Cruz Villalón (dazu hier) im Ergebnis gefolgt ist, zumal die zur Debatte stehende Sperrverpflichtung tatsächlich besonders umfassend war und keine Abwägung, wie sie bei einem Eingriff in grundrechtlich geschützte Positionen Standard ist, erkennen ließ. Mit Spannung war aber erwartet worden, ob sich der EuGH auch grundsätzlicher mit der Reichweite und Bedeutung der Informationsfreiheit nach Art 11 der Grundrechtecharta (GRC) im Hinblick auf Internetsperren bzw Internetfilter auseinandersetzen würde. Generelle Sperrverpflichtung als Verstoß gegen Art 15 Abs 1 E-Commerce-RL Zur grundrechtlichen Dimension ist das Urteil aber zunächst einmal recht zurückhaltend und handelt die Fragen im Wesentlichen auf der Richtlinienebene ab, vor allem auch unter Bezug auf das Urteil in der Rs C-324/09 L'Oréal (dort ging es um Markenschutz im Hinblick auf Online-Marktplätze, konkret eBay). Demnach müssen die Mitgliedstaaten "Vermittlern" (zu denen der EuGH in Rn 30 pauschal auch "Provider" zählt) zwar auch Maßnahmen auftragen können, die Verletzungen an Rechten des geistigen Eigentums vorbeugen sollen. Die dafür zu schaffenden innerstaatlichen Rechtsvorschriften müssen aber (unter anderem) die Beschränkungen der E-Commerce-R…

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches
  • Links

Themen: Internet , Eugh , Kommunikationsfreiheit , Grc
Rechtsgebiet: Urheberrecht

Erschienen 23. November 2011 auf http://blog.lehofer.at.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Allgemeine gerichtliche Sperrungs- und Filteranordnungen gegenüber Zugangsprovidern sind unzulässig

Internet-Law | 24. November 2011 — Der Europäische Gerichtshof hat heute entschieden (Az.: C-70/10), dass eine richterliche Anordnung an einen Anbieter von Intern…

EuGH: Soziale Netzwerke müssen nicht filtern

rechtsportlich.net | 20. Februar 2012 — Tweet Ein sehr interessantes Urteil des EuGH wurde vergangene Woche bekannt: Soziale Netzwerke dürfen demnach nicht verpflichtet…

(Urheberrecht) EuGH vom 24.11.2011: Generelle Verpflichtung eines Providers zur Einrichtung eines Filtersystems zur Verhinderung i…

Rechtsanwalt Kai Jüdemann | 24. November 2011 — Urteil in der Rechtssache C-70/10 Scarlet Extended SA / Société belge des auteurs, compositeurs et éditeurs SCRL (SABAM) …

EuGH: Betreiber eines sozialen Netzwerks (wie Facebook) ist nicht verpflichet, ein Filter-System zur Vorbeugung von Urheberrechtsv…

Dr. Damm & Partner Rechtsanwälte | 16. Februar 2012 — EuGH, Urteil vom 16.02.2012, Az. C-360/10 Der EuGH hat entschieden, dass der Betreiber eines sozialen Netzwerks (wie Facebook…

EuGH: Betreiber eines sozialen Netzwerks (wie Facebook) ist nicht verpflichtet, ein Filter-System zur Vorbeugung von Urheberrechts…

Dr. Damm & Partner Rechtsanwälte | 16. Februar 2012 — EuGH, Urteil vom 16.02.2012, Az. C-360/10 Der EuGH hat entschieden, dass der Betreiber eines sozialen Netzwerks (wie Facebook…

EuGH: Keine Filter-Pflicht des Betreibers eines Social Network zur Verhinderung von Urheberrechtsverstoessen

LEGALIT.de | 16. Februar 2012 — Der Europäische Gerichtshof hat heute im Rahmen eines sog. Vorabentscheidungsersuchens (Rechtssache C-360/10 – Belgische Vereni…

Keine Internetsperren gegen illegale Downloads

Rechtslupe | 24. November 2011 — Das europäische Unionsrecht steht einer von einem nationalen Gericht erlassenen Anordnung entgegen, einem Anbieter von Intern…

EuGH stellt Gleichgewicht zwischen Urheberrecht und Persönlichkeitsrecht her

kLAWtext | 24. November 2011 — Kaum bespricht man so etwas in der Cyberlaw- und Ö-Recht-Vorlesung, da wird es auch schon Wirklichkeit: Thema der Vorlesung sind d…

EUGH: Müssen Internet-Provider Filtersysteme gegen Filesharing einrichten?

Kurz Pfitzer Wolf | 28. November 2011 — Um was geht es?Der Internet-Zugangsprovider wurde wegen Urheberrechtsverletzungen seiner Kunden mittels Filesharing in Belgie…

EuGH: Keine allgemeine Filterpflicht sozialer Netzwerke

Internet-Law | 16. Februar 2012 — Mit Urteil vom 16.02.2012 (Az.: C‑360/10) hat der EuGH entschieden, dass den Betreiber eines sozialen Netzwerkes keine allgem…

EUR-Lex - 31995L0046 - DE
EUR-Lex - 32002L0058 - DE
EUR-Lex - 32000L0031 - DE
EUR-Lex - 32001L0029 - DE
e-comm: EuGH zur Weitergabe der IP-Adressen von Filesharern
AKTUELLE RECHTSPRECHUNG - Ergebnisse
AKTUELLE RECHTSPRECHUNG - Ergebnisse
AKTUELLE RECHTSPRECHUNG - Ergebnisse
AKTUELLE RECHTSPRECHUNG - Ergebnisse
EuGH entscheidet über Sperrverfügungen gegen Provider

Der Europäische Gerichtshof hat heute entschieden, dass Sperrverfügungen gegen Provider wegen Urheberrechtsverletzungen gegen das Europarecht verstoßen (Rs. C-70/10 ). Führen Netzsperren dazu, dass Providern faktisch eine Überwachungspflicht für...


Internet-Law » Allgemeine gerichtliche Sperrungs- und Filteranordnungen gegenüber Zugangsprovidern sind unzulässig
European Court of Justice rules against indiscriminate intermediary filtering | TechnoLlama

For more than a year, those of us interested in intermediary liability have been waiting for an important Belgian case, Saban v Tiscali (now Sabam v


Press statement and FAQ: Scarlet/Sabam Ruling a vital victory for Internet freedoms | EDRI