EuGH: Den Bürgen darfst Du würgen! Oder doch nicht?

Schon seit Jahren wurde gestritten – nun hat der Europäische Gerichtshof zwar sein lange erwartetes Urteil im Verfahren Residex (Rs. C-275/10 – Entscheidung vom 8. Dezember 2011) verkündet, die Unsicherheiten sind damit aber noch nicht beseitigt: Gewährt die öffentliche Hand eine Staatsbürgschaft zu vergünstigten Konditionen, ohne zuvor eine erforderliche Genehmigung der EU-Kommission einzuholen, so bleibt es fürs Erste dem jeweiligen nationalen Richter überlassen, welche Auswirkungen dieses staatliche Fehlverhalten auf die Wirksamkeit des Bürgschaftsvertrags hat.

Rechtlicher Hintergrund

Hintergrund der Streitigkeiten war, dass in der Gewährung vergünstigter Bürgschaften eine Beihilfe nach Art. 107 Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) zu sehen ist. Wird eine Beihilfe ohne vorherige Genehmigung der EU-Kommission gewährt, so verstößt die Gewährung gegen das Durchführungsverbot des Art. 108 Abs. 3 S. 3 AEUV. In Deutschland droht als Folge nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs die Nichtigkeit der gewährenden Verträge. Verspricht die öffentliche Hand dem Kreditnehmer nun die Übernahme einer Bürgschaft, ohne dafür eine marktgerechte Avalprovision zu verlangen, so liegt das Beihilfenelement regelmäßig in diesem Versprechen. Umstritten war bislang, ob die Nichtigkeit auch auf den Bürgschaftsvertrag zwischen öffentlicher Hand und Kreditgeber „durchschlägt“, wenn dieses Vertragsverhältnis selbst keine Beihilfe beinhaltet.

Sachverhalt

Dem Rechtsstreit im Fall Residex lag folgender (vereinfachter) Sachverhalt zugrunde: Ein Unternehmen hatte einem anderen ein Darlehen gewährt, das die Hafenbehörde der Stadt Rotterdam durch eine Bürgschaft absicherte. Dabei konnte nicht ausgeschlossen werden, dass die Bürgschaft für eine schon bestehende Forderung übernommen wurde, und zwar im Rahmen einer Umschuldung. Die Bürgschaft wurde nicht bei der Europäischen Kommission notifiziert. Als die Hafenbehörde aus der Bürgschaft in Anspruch genommen werden sollte, verweigerte diese die Zahlung. Die hiergegen gerichtete Klage blieb in den Vorinstanzen in den Niederlanden erfolglos. Man argumentierte, dass die Bürgschaft Beihilfenelemente enthalte. Da die Bürgschaft nicht notifiziert worden sei, verstoße sie gegen das Durchführungsverbot und sei damit nichtig. Der Hohe Rat der Niederlande (Hoge Raad der Nederlanden) legte dann die Frage nach der Nichtigkeit des Bürgschaftsvertrags dem Europäischen Gerichtshof vor.

GA Kokott: Keine Nichtigkeit!

Die deutsche Generalanwältin Kokott war – wie im Blog berichtet – in ihren Schlussanträgen vom 26. Mai 2011 zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Nichtigkeit des Bürgschaftsvertrags nach Unionsrecht ausgeschlossen sei. So könne die Nichtigkeit dazu führen, dass das gesamte Darlehen zurückgefordert würde, obgl…

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches

Themen: Öffentliches Recht , Beihilfe , Cms , Nichtigkeit , Bürgschaft , Europäische Union & Eu-recht , Durchführungsverbot , Avalprovision

Erschienen 13. Dezember 2011 auf http://www.cmshs-bloggt.de.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Avalprovision Marktübliche 2010: EU-Beihilferecht: Den Bürgen darfst Du würgen?!?

CMS Hasche Sigle | 31. Mai 2011 — Gewährt die öffentliche Hand Bürgschaften zu marktunüblichen Konditionen, so liegt darin eine Beihilfe nach Art. 107 Abs. 1 des…

EU-Mahnverfahren

Rechtslupe | 12. Dezember 2008 — Das Europ??ische Mahnverfahren kann ab heute, das europ??ische Verfahren f??r geringf??gige Forderungen kann ab 1. Januar 2009 …

Kartellverstöße im EU-Binnenmarkt

Rechtslupe | 5. Mai 2011 — Im Wettbewerbsbereich ist nur die Europäische Kommission für die Feststellung zuständig, dass keine missbräuchliche Verhaltensw…

Widerruft der Käufer einen Kauf über das Internet oder Telefon braucht er keinen Wertersatz zu leisten

www.rechtsklarheit.de | 29. November 2009 — Die bisherige deutsche gesetzliche Regelung, dass der Verbraucher bei einem wirksamen Widerruf eines Kaufvertrages z.B. über…

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte gibt Kindermörder Recht

WK LEGAL Online Blog | 1. Juni 2010 — Die große Kammer des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat in seiner heutigen Entscheidung klargestellt, dass …

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte gibt Kindermörder Recht

WK LEGAL Online Blog | 1. Juni 2010 — Die große Kammer des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat in seiner heutigen Entscheidung klargestellt, dass …

Im Visier der Europa-Richter

Handakte WebLAWg | 11. Januar 2008 — Der Europäische Gerichtshof entscheidet 2008 viele wichtige Verfahren, die das deutsche Recht stärker beeinflussen als manche…

EU: Rückforderung staatlicher Beihilfe von Télékom France

rechtsanwalt.com | 25. Januar 2012 — Telekommunikation ist in der Tat grenzüberschreitend. Grenzen werden überwunden, telefonieren Menschen miteinander. Es macht fü…

Beschlussmängelrecht: Arbeitskreis Beschlussmängelrecht präsentiert Gesetzesvorschlag

Unternehmensrechtliche Notizen | 3. September 2008 — Eckpunkte des soeben in der “Aktiengesellschaft” publizierten Vorschlags sind: Die Fehlerkategorie der Nichtigkeit eines Beschluss…

Klagezuständigkeit bei unbekanntem Wohnsitz

Rechtslupe | 21. November 2011 — Das Gericht des letzten bekannten Wohnsitzes kann dann für eine Kage gegen einen Verbraucher zuständig sein, wenn der aktuelle …