Es gibt in Edinburgh keine englische Königin

Schottland schickt sich an, über die Loslösung von Großbritannien abzustimmen. Was hat es auf sich mit dem Hebriden-Nationalismus? Eine Spurensuche.

Einen britischeren Ort als den Raum, in dem Sir David Edward seine Gäste empfängt, kann man sich kaum vorstellen. Durch die hohen Sprossenfenster sieht man auf die schmiedeeisernen Gitterstäbe der Queen Street Gardens. Die Rückwand des langestreckten, blaugrün gestrichenen Raums wölbt sich zu einem eleganten Halbrund. Die Wände zieren Seestücke in Öl und lange Reihen karamellfarbener Lederbuchrücken. In der Mitte steht ein riesiger Tisch, auf dem Bücher und Aktenstücke lagern. Kein Computer weit und breit, nicht einmal ein Telefon. Eine große Uhr schlägt mit bronzenem Ton die Stunden.

Sir David, 77 Jahre alt, ehemaliger Richter am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg und einer der angesehensten Juristen des Landes, sitzt mir in geknöpfter Weste und Hausjacke gegenüber, um den Hals ein schmaler dunkelroter Schlips. Als er jung war, sagt er, sei es nicht selten vorgekommen, dass auch schottische Politiker von ihrem Land als „England“ sprachen, und vom Staatsoberhaupt als „König von England“. Bis in die 50er Jahre habe er gelegentlich Briefe bekommen mit der Adresse „Edinburgh N.B.“, für „North Britain“. Das sei heutzutage völlig undenkbar. „Sehr wenigen Leuten diesseits der Grenze würde es im Traum einfallen, von der ,Königin von England’ zu reden.“

Etwas hat sich verändert im Vereinigten Königreich und seinem nördlichen Landesteil. Den Ruf, die 1707 begründete Union mit England zu beenden, gab es in Schottland schon immer. Aber lange ließ er sich als Randphänomen abtun, das außer ein paar Kilt- und Dudelsackromantikern nur wenige interessierte. Seit 2007 regiert in Schottland eine Partei, deren offizielles Ziel die Unabhängigkeit ist. Seit 2011 regiert sie allein, bei den Wahlen im Mai hat sie einen Erdrutschsieg errungen. Jetzt will sie die Unabhängigkeit mit einem Referendum besiegeln. Die Vorstellung, dass in Europas Norden tatsächlich ein neuer Staat entsteht, ist real geworden.

Was ist da los? Woher kommt diese scheinbar so anachronistische Blüte des Nationalismus? Und was macht sie mit Schottland, mit Großbritannien und mit Europa? In Edinburgh suche ich Antworten auf diese Fragen. Unter denen, die mir Auskunft geben, ist der Dichter, Ex-Verleger und Unabhängigkeitsaktivist Kevin Williamson. Er hatte in den 90er Jahren mit seinem Magazin Rebel Inc. die schottische Underground-Literarurszene populär gemacht, seinen Freund Irvine Welsh („Trainspotting“) etwa oder den späteren Booker-Preisträger James Kelman. Ich treffe ihn im Hinterzimmer eines Pubs in der Jamaica Street. Er legt seinen Kapuzenparka nicht ab, während er mit mir spricht.

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Themen: England , Luxemburg , Briefe , Great Britain , Constitutional Policy

Erschienen 7. Januar 2012 auf http://verfassungsblog.de.

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