Entscheidungen des FG Hamburg (30.09.2011)

Folgende Entscheidungen hat das Finanzgericht Hamburg mit Datum von gestern (30.09.2011) veröffentlicht:

- FG Hamburg Beschluss vom 16.09.2011 – 4 V 133/11: Erhebliche Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit des Kernstoffsteuergesetzes

In einer bundesweit ersten Gerichtsentscheidung hat der 4. Senat des Finanzgerichts Hamburg die Anfang des Jahres als Verbrauchsteuer neu eingeführte Kernbrennstoffsteuer – auch “Brennelementesteuer” genannt – in Frage gestellt und einem Eilantrag eines Kernkraftwerkbetreibers stattgegeben.

Zum Sachverhalt: Zum 1. Januar 2011 trat das von Beginn an umstrittene Kernbrennstoffsteuergesetz in Kraft, mit dem der Bund eine neue Steuer auf die Verwendung von Kernbrennstoffen eingeführt hat. Die Steuer wird durch die Hauptzollämter von den Kernkraftwerksbetreibern erhoben und entsteht, wenn ein Brennelement in einen Kernreaktor eingesetzt und eine sich Kettenreaktion ausgelöst wird. Bei einem Steuersatz von 145 EUR je Gramm Kernbrennstoff wurde bei Einführung der Steuer eine jährliche Einnahme von 2,3 Mrd. EUR erwartet. Von den damals noch 17 Kernkraftwerken sind nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Marz dieses Jahres zwischenzeitlich allerdings 8 Anlagen abgeschaltet worden.

Die Antragstellerin gab im Juli 2011 beim Hauptzollamt Hannover eine Steueranmeldung über rund 96 Mio. Euro Kernbrennstoffsteuer ab und zahlte diesen Betrag, um die Festsetzung von Säumniszuschlagen zu vermeiden. Zugleich reichte sie beim Finanzgericht Hamburg einen Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz ein, mit dem sie die Aufhebung der Vollziehung ihrer Steueranmeldung, d.h. die vorläufige Ruckzahlung der von ihr gezahlten Kernbrennstoffsteuer begehrt.

Der 4. Senat des Finanzgerichts Hamburg hat dem Antrag mit Beschluss vom 16.9.2011 (4 V 133/11) stattgegeben und die Vollziehung der Steueranmeldung ohne Sicherheitsleistung ausgesetzt. Nach Ansicht des Gerichts ist es ernstlich zweifelhaft, ob dem Bund für den Erlass der Kernbrennstoffsteuer nach dem Grundgesetz eine Gesetzgebungskompetenz zusteht. Der 4. Senat hat zum einen erhebliche Bedenken, ob die Kernbrennstoffsteuer dem verfassungsrechtlichen Typus einer Verbrauchsteuer entspricht. Bei Verbrauchsteuern handele es sich nämlich typischerweise um Warensteuern, die den baldigen Verzehr oder den kurzfristigen Verbrauch bestimmter Guter des ständigen Bedarfs belasteten. Als Besteuerung des Verbrauchs knüpften sie an das Verbringen des Gutes in den allgemeinen Wirtschaftsverkehr an. Sie wurden in der Regel bei demjenigen Unternehmer erhoben, der das Gut am Markt anbietet, seien aber auf Überwälzung auf den Verbraucher angelegt. In seinem Beschluss führt der 4. Senat aus, dass Kernbrennstoffe kein Konsumgut seien, sondern ausschließlich zur gewerblichen Erzeugung von elektrischem Strom verwendet wurden, ohne dabei in den allgemeinen Wirtschaftsverkehr zu gelangen. Dass den Stromerzeugern eine Überwä…

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches
  • Links

Themen: Kraftfahrzeugsteuer , Abgabenordnung , Einkommensteuer , Lohnsteuer , Umsatzsteuer , Nichtselbständige Arbeit , Werbungskosten , Estg , Zoll , Entscheidungen , Gewerbesteuer , Hannover , Ustg , Finanzgericht Hamburg , Vermietung Und Verpachtung , Fgo , Internationales Steuerrecht , Finanzgerichtsordnung , Energiesteuer / Mineralölsteuer , Umwandlungs(steuer)recht , Kfz-steuer , Grunderwerbsteuer , EU / EG , Lohnst , Gewstg , Istr , Grestg , Energiestg , Umwg / Umwstg , Vuv , Kernbrennstoffsteuer
Rechtsgebiet: Europarecht

Erschienen 1. Oktober 2011 auf http://www.steuerrechtblog.de.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Kernbrennstoffsteuer verfassungswidrig? Finanzgericht Hamburg äußert erhebliche Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit des Kernstoffs…

LEXEGESE | 20. September 2011 — In einer bundesweit ersten Gerichtsentscheidung hat der 4. Senat des Finanzgerichts Hamburg die Anfang des Jahres als Verbrauchste…

Eilmeldung: Kernbrennstoffsteuer verfassungsgemäß und europarechtskonform

LEXEGESE | 13. Januar 2012 — Das Finanzgericht Baden-Württemberg hat in zwei Beschlüssen vom 11. Januar 2012 (11 V 2661/11 und 11 V 4024/11) in Verfahren zur …

FG Hamburg legt § 8c KStG dem BVerfG vor

STEUERRECHT | 26. Mai 2011 — FG Hamburg Beschluss vom 04.04.2011 – 2 K 33/10 Aus einer Pressemitteilung des Gerichts: “Der 2. Senat des Finanzgerichts H…

BFH: Kein vorläufiger Rechtsschutz gegen Kernbrennstoffsteuer

STEUERRECHT | 14. März 2012 — BFH-Beschluss vom 09.03.2012 – VII B 171/11 Presseerklärung des Bundesfinanzhofs (BFH) Nr. 16: “Der Bundesfinanzhof (BFH)…

Finanzgericht Köln: Bekanntgabe durch Computer-Fax unwirksam

Anwaltskanzlei Ferner Alsdorf | 3. Februar 2010 — Eine vom Finanzamt mittels Computer-Fax (sog. Ferrari-Fax-Verfahren) übersandte Einspruchsentscheidung ist nichtig, wenn sie mi…

FG Baden-Württemberg: Kernbrennstoffsteuer verfassungsgemäß und europarechtskonform

STEUERRECHT | 12. Januar 2012 — FG Baden-Württemberg Beschluss vom 11.01.2012 – 11 V 2661/11 FG Baden-Württemberg Beschluss vom 11.01.2012 – 11 V 4024/11 P…

OLG Hamburg: Rechtsverletzende Domain muss nicht dekonnektiert werden; ein Baustellenzeichen reicht aus

Dr. Damm & Partner Rechtsanwälte | 3. September 2009 — OLG Hamburg, Urteil vom 28.08.2007, Az. 3 W 151/07 §§ 14, 15 MarkenG Mit einer Beschlussverfügung des OLG Hamburg war dem A…

Bundesfinanzhof - Kein vorläufiger Rechtsschutz gegen Kernbrennstoffsteuer

LEXEGESE | 15. März 2012 — Der Bundesfinanzhof (BFH) hat durch Beschluss vom 9. März 2012 (Az. VII B 171/11) die Gewährung vorläufigen Rechtsschutzes geg…

Kerbrennstoffsteuer doch verfassungsgemäß?

Schlosser Aktuell | 16. Februar 2012 — Nachdem u.a. das Finanzgericht Hamburg – wie hier berichtet – Bedenken an der Verfassungsmässigkeit der Kernbrennstoffsteuer

Foren, Blogs & Wikis: Kreisende Geier in Hamburg?

Vertretbar Weblawg | 21. Januar 2007 — Nach dem viel gescholtenen Heise-Urteil aus Hamburg (Hanseatisches OLG, Urteil v. 22.08.2006 - Az: 7 U 50/06 = Volltext via heise.…

Finanzgericht - Justiz-Portal