Einstellungsanspruch bei der Konkurrentenklage?

”Konkurrentenklagen” sind - bereits sprachlich - ein absolut einzigartiges und sehr typisch deutsches Phänomen. Es darf angenommen werden, dass die meisten Menschen überhaupt nicht wissen, was eine “Konkurrentenklage” auch nur im Entferntesten sein könnte. Tatsächlich klagt der Konkurrent um eine zu besetzende Stelle dagegen, dass ein anderer Bewerber den Vorzug bekommen soll. Überrascht? Nun, das ist auch etwas, das sich auf den öffentlichen Dienst beschränkt. In der privaten Wirtschaft kann (natürlich) niemand unmittelbar die Gerichte anrufen, wenn seine Bewerbung erfolglos war. Eine ganz persönliche Umfragestatistik zeigt aber, dass auch im öffentlichen Dienst trotzdem längst nicht jeder weiß, dass es so etwas gibt.

Wir nutzen eine hochinteressante und sehr wichtige neuere Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts (Urteil vom 24.03.2009 - 9 AZR 277/08, z.B. NZA 2009, 901), um dieses Thema zu ventilieren. Aber zunächst müsste einfach etwas Dampf abgelassen werden.

1. Konkurrentenklagen gibt es fast, seit es das Grundgesetz gibt. Was hat das Grundgesetz eigentlich damit zu tun? Nun, hier fängt die (typisch) deutsche Spezialität an. Art. 33 Abs. 2 des Grundgesetzes lautet:

“Jeder Deutsche hat nach seiner Eignung, Befähigung und fachlichen Leistung gleichen Zugang zu jedem öffentlichen Amte.”

Wird man dadurch schlauer? Ich persönlich gebe zu, dass ich bis heute bei einem “öffentlichen Amt” ganz unjuristisch an den Stuttgarter Oberbürgermeister, den Ministerpräsidenten eines Bundeslandes, den Regierenden Bürgermeister von Berlin oder so etwas in dieser Art denke. Ich muss mir bis heute verkneifen, so etwas vor Gericht zu äußern. Der gemeine Jurist könnte aus der Grundgesetzformulierung allenfalls noch folgern, dass ein “öffentliches Amt”, wenn es schon im Grundgesetz steht (unpassenderweise übrigens im Kapitel “Der Bund und die Länder”, als hätte das etwas mit der Qualifikation der öffentlichen Ämter zu tun), solche Ämter meint, in denen eine hoheitliche Tätigkeit ausgeübt wird. Das sind, ganz grob gesagt, solche Tätigkeiten, bei denen der Staat dem Bürger unmittelbar gegenübertritt und ins Auge sieht. Der Begriff war mal ein bisschen weiter als er es heute ist, je weiter man in der Geschichte der Bundesrepublik zurückgeht. Es gab Zeiten, in denen der Verkauf von Fahrkarten der Deutschen Bundesbahn, die Tätigkeit des Lokführers und das Austragen von Briefen auch als hoheitliche Tätigkeiten angesehen wurden. Viel ist davon natürlich nicht mehr übrig, aber man könnte ja an Tätigkeiten wie Polizisten, Feuerwehrleute oder auch das Bundeskartellamt denken. Weit gefehlt. Es hat offensichtlich nie einen Streit darüber gegeben, dass “öffentliche Ämter” im Sinne von Art. 33 Abs. 2 GG nicht bloß Ämter sind, sondern alle Stellen öffentlichen Dienst. Ja, Sie haben richtig gehört: Egal, ob es sich um den Pförtner am Parkplatz einer Bundesbehörde in Berlin, deren Direktor, di…

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches

Themen: Berlin , Grundgesetz , Jurist , Alltag IM Arbeitsrecht

Erschienen 3. September 2009 auf http://www.reuter-arbeitsrecht.de.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Abbruch eines Stellenbesetzungsverfahrens im öff. Dienst, wenn der Arbeitgeber seine Auswahlerwägungen nicht schriftlich dokumenti…

Arbeitsrecht & Mediation Berlin | 18. August 2010 — Nach Ansicht des 9. Senats des BAG wird eine Stellenbewerbungsverfahren zu Recht auf Veranlassung des nicht berücksichtigen K…

Dirk Niebel und die Stellenbesetzung im öffentlichen Dienst

reuter-arbeitsrecht.de | 28. Januar 2012 — Die FDP hat mit Sicherheit derzeit genug Probleme (Chart 6 im Politbarometer). In dem kaum verhohlenen Anliegen, einfach auch…

BEAM! ME! UP! SCOTTY!

LAW OBSERVER | 22. April 2010 — Manchmal beflügelt selbst das nüchternste Juristendeutsch die Phantasie. Also: Entspannen Sie sich, stellen Sie Ihre Stuhllehne…

Kein Erkenntnisgewinn wegen anwaltlicher Fehlleistung (vulgo: “Klatsche”)? Zur Auswahl von Bewerbern an kirchlichen Fachhochschule…

reuter-arbeitsrecht.de | 13. Oktober 2010 — Viel interessanter, als es scheint: BAG, Urteil vom 12. Oktober 2010 - 9 AZR 554/09 (PM). Der Fall klingt für Viele nach Ni…

Rechtsmittel Gegen Stellenbesetzung: Konkurrentenklage: Stellenbesetzung vor Abschluss des gerichtlichen Eilverfahrens ist unzulässig

andreas-buschmann.net | 1. November 2006 — Bei einer Beförderungskonkurrenz kann ein Beamter, der nach dem Willen des Dienstherrn nicht zum Zuge kommen soll, vorläufigen …

Nicht geschlechtsneutrale Stellenanzeige - Keine Entschädigung bei Indizien für unernste Bewerbung

andreas-buschmann.net | 7. November 2006 — Ein Arbeitgeber schreibt eine Stelle mit der unzulässigerweise nur Frauen ansprechenden Stellenbezeichnung “Chefsekretärin/ A…

Schade !!! BAG läßt Frage offen, ob kirchliche Hochschulen an die Bestenauslese gebunden sind

Arbeitsrecht & Mediation Berlin | 18. Oktober 2010 — Nach Art. 33 Abs. 2 GG hat jeder Deutsche nach seiner Eignung, Befähigung und fachlichen Leistung gleichen Zugang zu jedem öf…

Zur Entschädigung wegen geschlechtsbezogener Diskriminierung bei der Einstellung

Recht und Alltag | 8. Mai 2006 — Das Landesarbeitsgericht Berlin hat in einer Entscheidung vom 30.03.2006 (Az.: 10 Sa 2395/05) eine Klage auf Entschädigung wege…

Schadensersatzansprüche nach AGG: neue Rechtsprechung

Recht und Arbeit | 12. September 2010 — Mit gleich drei Urteilen an einem Tag hat sich der 8. Senat zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz geäußert: Schadensersatzan…

Neues zum AGG

beck-blog | 15. November 2009 — Das Hessische LAG hat einem schwerbehinderten Bewerber eine Entschädigung zugesprochen, weil er bei seiner Bewerbung um einen …