Die Zeit spielt immer für den Angeklagten
am 16.10.2006 von strafblog
Es ist eine altbekannte und bisweilen auch beklagte Tatsache, dass die Zeit fast immer für den Angeklagten spielt. Je länger ein Verfahren dauert, umso eher eröffnen sich Möglichkeiten für konsensuale Entscheidungen im Sinne des Angeklagten. Oft verblasst im Laufe von Jahren auch die Erinnerung von Zeugen, so dass die Tat sich nur noch schwer rekonstruieren lässt.
Heute morgen habe ich als Wahlverteidiger in einem Kapitalanlagebetrugsverfahren vor der Wirtschaftsstrafkammer des hiesigen Landgerichts verteidigt. Der Mandant hat in dieser Angelegenheit bereits vier Mal vor Gericht gestanden, allerdings mit einem anderen (Pflicht-) Verteidiger. Ich selbst habe das Mandant ganz kurzfristig übernommen. Das Verfahren datiert bereits aus 1999, die letzte Tat liegt bereits 7 Jahre zurück. Das Gericht hatte zuletzt im Hinblick auf den Zeitablauf und den Tatbeitrag eine Bewährungsstrafe und eine Geldauflage von 10.000 Euro angeboten. Rund 5.000 Seiten haben meine Mitarbeiter und ich in der letzten Woche soweit durchgearbeitet, dass eine qualifizierte Verteidigung möglich war. Ich habe heute morgen für den Mandanten eine Einlassung zu Sache abgegeben und bin damit von der bisherigen Schweigeverteidigung abgewichen. Mit Erfolg. Nach Anhörung mehrerer Zeugen haben wir uns auf eine Verfahrenseinstellung gegen Zahlung einer Geldauflage von 3.000 Euro verständigt. Die Kammer ließ erkennen, dass sie bei einer früheren Einlassung auch schon früher in diese Richtung gedacht hätte. So ist das manchmal. Ich kann mir jetzt auf die Schulter klopfen und sagen, dass ich alles richtig gemacht habe. Und der Pflichtverteidiger, der die Schweigeverteidigung bevorzugt hatte, steht etwas unglücklich da. Naja, im Nachhinein ist man immer klüger und manchmal braucht es einfach den richtigen Riecher.
Autor: RA Rainer Pohlen
Kanzlei POHLEN + MEISTER
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