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Die andere Wange, Teil 7

am 01.11.2005 von Feder-und-Paragraph.de

Hier nun der siebte und vorletzte Teil meiner Fortsetzungs-Kurzgeschichte "Die andere Wange". Alle bisherigen Teile von "Die andere Wange" können Sie hier als .pdf herunterladen."Die andere Wange" - Teil 7Eine Fortsetzungskurzgeschichte von Jan-Tobias Kitzel (j.kitzel@feder-und-paragraph.de)

Ein Quietschen. Det, der sich in
den altersschwachen Besucherstuhl setzte. Fast teilnahmslos zu Dirk hinüber
blickte. Eine Packung Cracker aus der Manteltasche nahm und auspackte, Dirk
einen Keksstapel rüber schob.
"Mach ruhig weiter, du bist ja anscheinend noch nicht fertig", sagte
Det ruhig, lauernd, doppeldeutig. Dirk fuhr es kalt den Rücken herunter. Halb
zum Computer, halb zu Det gewandt, tippte er weiter: Erdogan Khalan. Technisch
kalt präsentierte der Bildschirm ihm Khalans Daten, Vorstrafen ... und Dets
persönliche Eintragung. 31.
Knirschend zermalmte Det einen Cracker in seinem Mund. Kekskrümel fielen auf
die Polizeiuniform.
"Willst du nicht noch weitere Namen eingeben, Dirk? Pjotr Chevchalan.
Nummer 32. Oder meinen All-Time-Favorite: Deborah Isnijev. Wie kann man ein
russisches Mädel bloß Deborah mit Vornamen nennen?" Det lachte humorlos
auf. "Nummer 13 passte besser zu ihr, fand ich."
Dirks Hand krallte sich in die Armlehne des Bürostuhls. Das Plastik schnitt in
seine Haut. Er spürte es kaum. Det. Sein alter Freund Det. Er steckte hinter
all dem.
"Wir haben dich beobachtet, alter Freund. Wir hatten gehofft, du wärst
nicht derart stur. Spätestens nachdem du unsere Nachlässigkeit in der
Seitengasse gefunden hattest, war ich davon ausgegangen, dass du aufsteckst.
Sah doch alles nach Schwierigkeiten aus. Warum hast du da nicht
aufgegeben?", fragte Det und zog die Augenbrauen hoch. Echtes Interesse
lag in seinem Blick. Gemeinsam mit Siegesgewissheit. Dirk wurde kotzübel, sein
Magen rumorte, ein kalter Schauer jagte über seinen Rücken.
"Weil es um einen Freund ging, Det. Freund! Weißt du überhaupt noch, was
das heißt?", spie er Det entgegen.
Det wischte die Kekskrümel davon und faltete die Hände.
"Natürlich, Dirk. Ich betrachte dich als Freund. Oder glaubst du etwa, wir
würden hier so ruhig sitzen, wenn dem nicht so wäre?". Eine
unausgesprochene Warnung lag in Dets Stimme, ihn nicht in Rage zu bringen ...
oder es zu bereuen.
"Aber warum, Det. Was hatte Khalan euch getan? Er wird vermisst. Familie.
Freunde. Warum?"
"Weil es hier nicht um seine Freunde oder seine Familie geht! Khalan hat
sich nicht an die Spielregeln gehalten. Ist nach Deutschland gezogen, wollte
aber etwas ganz anderes. Eine andere Art von Land. Er war Mitglied in einer
Vereinigung, die aus diesem Land, unserem Land, etwas ganz anderes machen
wollten. Du hast das Video gesehen, Dirk."
Nur gelinde überrascht strich sich Dirk über das Gesicht. Sie hatten ihn
abgehört oder was auch immer. Was kam als nächstes?
Det stand auf, ging einige Schritte in seinem Büro. Dann straffte er seine
Gestalt und verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
"Es musste sein, Dirk. Verstehst du das nicht? Khalan war eine Gefahr für
unsere Ordnung. So wie all die anderen Personen, die wir auf unseren
Quartalslisten führen. Ob Nummer 3, 28 oder eben 35, sie alle haben unser Leben
gefährdet, auf die eine oder andere Art und Weise. Manche planten Attentate,
andere wollten die Verfassungsorgane untergraben, wieder andere hatten
langfristigere Pläne, so wie Khalan, der aus Deutschland einen Staat machen
wollte, den wir beide nicht mehr wieder erkennen würden. Wir mussten so
handeln!"
Fassungslosigkeit lag in Dirks Stimme, als er antwortete: "Wir. Wer sind
"wir"? Du und andere, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen? Die ebenfalls
die Spielregeln verachten, den wir uns verschrieben haben? Wenn du beweisen
konntest, dass Khalan Dreck am Stecken hat, warum hast du ihn dann nicht
hochgenommen? Offiziell hochgenommen!"
Det schüttelte traurig den Kopf.
"Das meinst du doch nicht ernst, oder, Dirk? Schau dich doch bitte um. Was
siehst du? Eine Bürokratie am Rande des Zusammenbruchs. Polizei, die schlechter
ausgestattet ist als drittklassige Verbrecher. Gerichte, bei denen du froh sein
kannst, innerhalb eines Jahres einen Verhandlungstermin zu bekommen. Die
gleichzeitig Verbrecher laufen lassen müssen, <aus Mangeln an Beweisen>,
wo alle Welt weiß, dass sie es gewesen sind. Die Handel abschließen, die jeder
Beschreibung spotten, damit es eine Akte weniger auf dem Schreibtisch ist. Mittelkürzungen,
Arbeitsüberlastungen, Personalmangel. Soll ich noch ein paar Sachen
aufzählen?"
Dirk winkte ab, jede Faser seines Körpers schien unter Strom zu stehen, Hitze-
und Kältewellen liefen über seine Haut.
"Ich war selbst Polizist, Det. Ich weiß, wie mies das hier alles aussieht.
Die Überstunden. Aber die tägliche Belastung und all das dürfen ..."
Det hieb auf den Tisch und zischte: "Genug!"
Er wischte einen Aktenstapel vom Tisch, die Zettel verteilten sich auf dem
abgetretenen Bodenbelag, der Jahrzehnte von Polizisten gesehen hatte.
"Wir haben den Kampf verloren, Dirk, siehst du das nicht?! Mit
rechtsstaatlichen Mitteln können wir gegen den Untergrund in diesem Land nichts
mehr ausrichten. Es war einfach an der Zeit, dass wir unsere an ihre Spielregeln anpassen. Sie beachten
sie doch auch nicht! Wir haben nur Waffengleichheit geschaffen!" Zorn
pulsierte in Dets Gestalt, die Adern im Gesicht traten mehr als nur deutlich
hervor und der Ausdruck in seinen Augen hätte jedes Fabelwesen zu Staub zerfallen
lassen.
Ja, die Spielregeln hatten sich geändert in den letzten Jahren. War er nicht
selbst immer davon ausgegangen, dass die Polizei dem allem nichts mehr
entgegenzusetzen hatte? Dass sie nur noch den Verfall verwalteten? Es war kein
Kampf gegen Windmühlen. Es war ein Kampf gegen Hochleistungspropeller!
Dirk lehnte sich zurück und schaute lange in das Gesicht seines ehemaligen
Kollegen. Seines Freundes, mit dem er viel durchgemacht hatte. Er konnte es Det
nicht verübeln, Sachen in die eigene Hand genommen zu haben. Schon damals, zu
seiner eigenen Polizeizeit, waren viele Fälle abseits des Bürokratiewegs gelöst
worden. Auch er hatte damals über die Bürokratie gestöhnt, die ihn ein aufs
andere Mal verfolgte und selbst glasklare Fälle zum Scheitern brachte. Die
verhinderte, dass sie ihre Arbeit effektiv machen konnten, während die
Kriminellen weiter ihrem Leben nachgingen, gänzlich unbehindert von dreifachen
Durchschlägen und dem organisierten Dienstweg.

"Gut, Det. Ein Teil von mir
kann dich verstehen. Aber trägt euer Handeln nicht gerade dazu bei, dass es
immer schlimmer wird. Wenn noch nicht einmal die Polizei sich an die Regeln
hält ... wer dann?"

Dets Haltung entspannte sich, er
setzte sich wieder in den Besucherstuhl und er schaute Dirk fest in die Augen.

"Glaube mir, das haben wir
bedacht, durchdiskutiert und werden es ständig hinterfragen. Sobald wir es
geschafft haben, einen fairen Status Quo hinzukriegen, werden wir unsere Arbeit
einstellen und nur noch im Hintergrund als Beobachter tätig sein. Aber bis dahin
– und glaube mir, dass ist eine Generationenaufgabe – müssen wir aktiv tätig
sein." Er machte eine Pause, ein Cracker verschwand im Mund. Dann griff
Det in seinen Mantel und warf einen kleinen Gegenstand auf den Schreibtisch.
Eine Anstecknadel mit einem stilisierten Schwertfisch.

"Du wolltest wissen, wer
"wir" sind. Das sind wir", sagte Det und zeigte auf die
Anstecknadel. "Wir nennen uns die Gladius-Organisation, frei nach dem
Schwertfisch. Wir existieren schon seit einigen Jahren und haben es mittlerweile
geschafft, einigen Einfluss zu erlangen. Unsere Basis ist groß: Rechtsanwälte,
Richter, Polizisten, Bundespolizisten, BNDler, Beamte in verschiedenen
Landesministerien, ein paar Stadträte, der ein oder andere
Kleinstadt-Bürgermeister und so weiter und so fort. Bisher niemanden mit
riesiger Einzelmacht, aber gemeinsam können wir einiges erreichen. Wir haben
Ortsabteilungen, die die örtliche Szene beobachten. Den Untergrund abklopfen.
Mögliche Gefahren für die Gesellschaft frühzeitig aufdecken. Sehen wir eine
Chance, sie mit legalen Mitteln zu erwischen, dann machen wir das auch. Aber
nimm den Fall Khalan: Was hat er strafbares gemacht? Er hat niemanden
angegriffen, nicht zu Anschlägen aufgerufen oder sonst etwas, wofür wir ihn
dran gekriegt hätten. Und selbst wenn? Was wäre dann passiert? Nichts, das
weißt du genau. Ein anderer hätte seinen Platz eingenommen, die Zelle hätte
einfach weiter gemacht. Aber mit dem, was wir
gemacht haben, haben wir der Zelle eine einfache und klare Botschaft übersandt:
<Bis hierhin und nicht weiter!> Sollte sich ein ideologischer Nachfolger
für Khalan hier in der Ortszelle auftun, werden wir mit ihm weitermachen. Und
mit dessen Nachfolger und dann mit dessen Nachfolger und so weiter und so fort.
Wir packen sie an der Wurzel und rotten sie aus." Det holte tief Luft, er
hatte seinen Überzeugungsversuch in einem runtergeredet, ohne Luft zu holen, so
sehr war er bei der Sache.
"Was hältst du für richtig? Zusehen, wie dein Vorgarten mit Unkraut
überwuchert wird? Oder es bereits am Anfang vernichten, wenn noch nicht alles
zu spät ist?"
Es war eine rein rhetorische Frage, Det erwartete keine Antwort. Vielmehr
drückte sein Blick die Erwartung aus, Dirk auf seine Seite gezogen zu haben.

Dirk legte sich die Hand auf die Augen und atmete tief durch. Soviel in so
kurzer Zeit. Er hatte Khalans Frau vor Augen, die ihn erwartungsvoll angesehen
hatte. Ihn, den Detektiv. Den Freund? Ja, für Hafiz in jedem Fall, der ihm so
sehr vertraute, dass er ihm diese Suchaktion anvertraut hatte. Den Dirk nicht
enttäuschen wollte. Aber was hätte Hafiz gesagt, wenn er von Khalans
Hintergrund gewusst hätte. Hätte er Khalan immer noch als Freund bezeichnet?
Hätte er ihn gedeckt? Oder sich von ihm abgewendet?
Der Polizeifunk im Nebenzimmer quäkte eine schnelle Zahlenfolge, gefolgt von
einer Ortsangabe. Schießerei in einem Supermarkt. Zivile Verletzte. Tote. Es
war eine dunkle Welt, in der sie lebten. Niemand nahm mehr Rücksicht, keiner
interessierte sich für das Schicksal anderer. Sein Blick fiel auf den Schwertfisch.
Er strahlte Unnachgiebigkeit und Trotz aus. Trotz, gegen den Strom zu schwimmen
und etwas zu verändern. Die Gladius-Leute hatten sich anscheinend ihre eigene
Moral zusammengezimmert: <Du musst verraten, was du erhalten willst>. Sie
spielten nicht mehr nach den Regeln des Deutschlands, das sie eigentlich retten
wollten. Damit gaben sie ihren Traum in dem Moment auf, in dem sie ihm folgten.
Aber was war die Alternative? Den "anderen" das Feld überlassen. Sich
eine Schachtel Popkorn nehmen, zurücklehnen und zusehen, wie dieses Land vor
die Hunde ging? Wie die unterschiedlichsten, selbstsüchtigen Organisationen
sich ihr Stück Deutschland abbissen und nach mehr verlangten? Ob Kriminelle,
Terroristen, religiöse Fanatiker, korrupte Politiker, sie alle traten den Traum
einer selbstbewussten, freien Gesellschaft mit Füßen. Ihnen allen war es nur
mehr als recht, wenn die gesellschaftliche Basis schwach war. Schwach und damit
leicht zu manipulieren. Det und er hatten damals in seiner aktiven Zeit oft
über derlei Themen geredet. Aber was hatte er dann gemacht? Den Dienst
quittiert, sich sein Nest gebaut und von den Trümmern der Gesellschaft gelebt.
Det hatte wenigstens die Chance ergriffen, etwas zu ändern. Vielleicht klappte
es und sie konnten wenigstens ein paar Zerstörer davon abhalten, diese
Gesellschaft zugrunde zu richten. Vielleicht konnten sie – wenn Gladius in
einigen Jahren mächtigere Hintermänner für sich gewinnen konnte – sogar wieder
etwas zum Guten wenden und nicht nur die Bewegung zum noch Schlechteren
verhindern. Oder Gladius war der letzte Schuss auf das explodierende Benzinfass
Deutschland und der ganze Laden flog ihnen in einem Riesenknall um die Ohren.
Det hatte ruhig dagesessen und Dirk angeschaut. Er kannte ihn gut, wusste,
welche Gedankengänge sich gerade durch Dirks Hirn wanden.

"Also, alter Freund? Wie
entscheidest du dich?"
Hatte er wirklich eine Wahl? Oder hatte er sie nicht bereits in dem Moment
getroffen, als er seinen ehemaligen Kollegen hatte ausreden lassen?
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